Newsletter #23 vom 19.07.2025
Seit einigen Monaten absolviere ich eine zweijährige Ausbildung zum Achtsamkeitsmeditationslehrer. Meine Erfahrungen aus drei Jahren eigener Achtsamkeitspraxis haben mich davon überzeugt, dass dieses Bewusstseinstraining eine so hilfreiche Unterstützung ist, dass ich meine Erfahrungen gerne auf fundierte Weise weitergeben möchte. Um das noch besser zu lernen, habe ich diese Ausbildung begonnen.
Verbringe jeden Tag einige Zeit mit Dir selbst.
Dalai Lama
Im Mittelpunkt meiner Achtsamkeitspraxis steht die regelmäßige Meditation. Seit drei Jahren meditiere ich fast täglich.
Ich orientiere mich dabei an der bewussten Wahrnehmung des Körpers, der Gefühle, der Gedanken sowie der sogenannten Geisteszustände.
Letzteres umfasst eine Reihe geistiger Haltungen, die förderlich oder hinderlich sein können, wie zum Beispiel geistige Hemmnisse, die dadurch entstehen, dass wir darauf beharren, etwas Bestimmtes zu wollen, oder zu vermeiden versuchen.
Diese Meditation empfinde ich als so wichtig, dass ich sie vermisse, wenn es mir einmal nicht gelingt, vor dem Beginn meiner Arbeit mit meinen Patient*innen und Supervisand*innen zu meditieren.
Ich erlebe es wie eine innere Ausrichtung auf eine präsente Haltung, ein „Ankommen.“
Ein Vortrag des Diplom-Soziologen und Psychiaters Dr. Michael Huppertz bei einem Online-Kongress zum Thema „Achtsamkeit – Praktiken für den Alltag“ machte mich jetzt nachdenklich.
Huppertz bietet in seiner Praxis in Darmstadt seit vielen Jahren achtsamkeitsbasierte Psychotherapie an. Er ist darin viel erfahrener als ich, und berichtet in seinem Vortrag aus Gruppen, die als Motivation und Reflexion nach erfolgten „Grundkursen“ in Achtsamkeit dienen sollen.
Teilnehmer*innen hätten ihn damit verunsichert, dass sie meinten, eine meditative Übungspraxis spiele in ihrem Alltag kaum noch eine Rolle. Die Befragten hätten bekräftigt, dass sie jedoch weiterhin öfters an Achtsamkeit dächten.
Was zu zählen scheint, ist laut Huppertz ein „irgendwie achtsamer,“ langsamerer Umgang mit Alltagserfahrungen.
Eine systematische Übungspraxis finde meistens nicht mehr statt.
Seine Schlussfolgerung: möglicherweise überschätzen wir diese Übungspraxis.
Sollten wir auf die Empfehlung einer regelmäßigen Meditationspraxis verzichten?
Für meinen heutigen Newsletter habe ich mich mit dieser Frage beschäftigt, und einmal alle mir einfallenden Vorzüge einer regelmäßigen Meditationspraxis aufgeführt, so wie ich sie selbst erlebe:
- Eine formale Praxis ist wie eine Auszeit, in der ich Zeit mit mir selbst verbringe, so wie es der Dalai Lama im obigen Zitat empfiehlt.
- Meditation ist aktives, konzentriertes Bewusstseinstraining. Unser Gehirn profitiert messbar von den positiven Auswirkungen, die diese Training auf seine Aktivität hat.
- Regelmäßige Meditation kann wie ein Kompass wirken, durch den ich mir meiner Werte und Prioritäten bewusst werde
- Durch das Innehalten im Alltag verschaffe ich mir eine Orientierung: wie fühle ich mich, was geht in mir heute vor?
- Ich kann in Ruhe üben, ohne dass meine Aufmerksamkeit von Alltagsaktivitäten in Anspruch genommen wird
- Durch die Aktivierung eines kontemplativen Modus der geistigen Aktivität nehme ich Aspekte des äußeren und inneren Erlebens wahr, die ich im Problemlösungs-Modus ausblende
- Meditation verhilft mir dazu, die einzelnen Qualitäten des Geistes zu studieren, um mit der Zeit verschiedene Zustandsformen der Aufmerksamkeit unterscheiden zu können.
- Je nach eigener Haltung hinsichtlich der Zugehörigkeit der Achtsamkeit zur buddhistischen Tradition ist Meditation auch der Ausdruck einer Verbundenheit, die über mich selbst hinaus weist. Die darin geübte Praxis verbindet Achtsamkeit mit weiteren Aspekten der buddhistischen Psychologie, wie der Weisheit und des Mitgefühls.
Meine Meditations-Praxis hat einen großen Einfluss auf meine psychoanalytisch-psychotherapeutische Arbeit von Stunde zu Stunde.
Ich habe bereits verschiedentlich darüber geschrieben. Hier stelle ich Ihnen noch einmal die Links zu meinen entsprechenden Beiträgen zusammen:
- Wie Achtsamkeit in der tiefenpsychologischen Psychotherapie wirkt
- Wie uns Achtsamkeit in der Psychotherapie zu mehr Gelassenheit verhilft
- Präsent sein und achtsam handeln
- 5 Mechanismen der Achtsamkeit, mit denen sie ihre positive Wirkung entfalten kann
- Wie ich als Psychoanalytiker zur Achtsamkeitspraxis kam
- Warum ich über buddhistische Psychologie als Kontext von Achtsamkeit schreibe
- Selbstfürsorge für Psychotherapeut*innen durch Achtsamkeitspraxis
Was sagen meine Patient*innen?
Patient*innen, mit denen ich bisher über eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis gesprochen habe, berichten von sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Nicht jede*r gelingt es, einen Zugang dazu zu finden.
- Manche berichten begeistert von ersten tiefgreifenden Veränderungen ihres Alltagserlebens, und meditieren wie ich einigermaßen regelmäßig im Alltag.
- Andere absolvieren einen MBSR-Kurs, erleben dessen Anregungen als inspirierend, berichten dann jedoch nach einigen Wochen, dass sie eine Meditationspraxis nicht in ihren Alltag integriert bekommen hätten.
- Ein Teil meiner Patient*innen finden scheinbar überhaupt keinen Zugang dazu, berichtet dann jedoch beiläufig von Teilaspekten, die Eingang in ihren Alltag gefunden hätten, wie etwa dem bewussteren Atmen in angespannten Situationen.
Meine persönliche Einschätzung zur Frage der Meditationspraxis
Ich verfüge noch nicht über so viele Erfahrungen oder Eindrücke wie Michael Huppertz, aber ich habe den Eindruck, dass es nicht um die grundsätzliche Absage an den Wert einer regelmäßigen „formalen“ Meditationspraxis zugunsten einer „informellen“ Integration in den Alltag gehen kann.
Schließlich landet Huppertz mit seiner Kritik an der Meditationspraxis dann wieder bei einer Frage, die mich ein bisschen mehr erreicht.
Er überlegt, wie sich eine Haltung entwickeln ließe, die Wirkung auf die eigene Lebenspraxis hat.
Huppertz‘ Idee lautet jedoch dazu: die Meditationsübung z.B. in Kursen als eine Art Propädeutikum zu verstehen, und diese Spur aber eher zu verlassen, um dann zu coachen bzw. in Selbstcoachings selbst zu vermitteln.
Mir scheint demgegenüber eine regelmäßige Meditationspraxis eine Möglichkeit zu bieten, die nicht durch ein Coaching zu vermitteln ist.
Die meditative Haltung, die ich einnehme, indem ich mir eben gerade keine bewussten Gedanken mache, sondern mich darauf ausrichte, „wahrzunehmen was ist“, erbringt einen zentralen Teil des Nutzens dieses Achtsamkeitstrainings.
Dass das nicht alles ist, darauf verweisen viele buddhistische Autor*innen. Sie widersprechen mit ihren Vorschlägen auch der Kritik von Huppertz, dass es in den Ursprüngen der buddhistischen Lehre darum ginge, Alltagsferne herzustellen, um „den Alltag zu überwinden.“
Dass das in Teilen z.B. der klösterlichen Tradition, gelebt wird, bedeutet nicht, dass dieser Aspekt das Ziel der buddhistischen Lehre ist.
Was bringt die Integration von Achtsamkeit im psychotherapeutischen Alltag noch?
Hier noch ein paar Vorteile davon, Achtsamkeit nicht nur in Form einer eigenen Meditationspraxis in den psychotherapeutischen Alltag zu integrieren:
- Als „gelebte“ Praxis im Alltag kann ich die Haltung einnehmen, bewusst wahrzunehmen was ich erlebe, indem ich meine Aufmerksamkeit auf das lenke, was „gerade ist.“
- Die Frage, was „wirklich ist,“ wenn ich mich im Kontakt mit meinen Patient*innen befinde, kann mir bewusst machen, wie sehr ich an der Gestaltung dessen, was ich wahrnehme, beteiligt bin. Es gibt keine unbeteiligten Beobachter*innen.
- Durch die Integration in den Alltag mache ich deutlich, dass es nicht um einen Weg „weg vom Alltag“ geht, sondern im Gegenteil. Achtsamkeit für den psychotherapeutischen Alltag zu entwickeln heißt, sich der Bestimmung des Geistestrainings bewusst zu werden, mitten im Leben zu stehen, statt in die Welt der Vorstellungen, Erwartungen oder Befürchtungen abzudriften.
So versuche ich es auch, meinen Kolleg*innen zu vermitteln, die mich aktuell nach dem Achtsamkeitstraining für psychotherapeutisch tätige Ärzt*innen fragen.
Wie sehen Sie das?
Welche Erfahrungen haben Sie mit der „Alltagsferne“ der Meditation gemacht?
Was berichten Ihre Patient*innen oder Klient:innen darüber, wie es ihnen gelingt, diese Praxis in ihren Alltag zu integrieren?
Und wie gelingt es Ihnen selbst, als Psychotherapeut*in oder Berater*in?
Und jetzt: in die Praxis.
Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen