Heilen durch Einsicht – mein Arbeitsmodell im Dialog von Psychoanalyse und Vipassana-Meditation

Heilen durch Einsicht

Newsletter #38 vom 14.02.2026

Den Nutzen einer eigenen Achtsamkeitspraxis für Psychotherapeut*innen hatte ich in meinen Berichten zur Praxis der Präsenz bereits einige Male beschrieben.

Die eigene, regelmäßige Praxis ist ein geeignetes Mittel, um die therapeutische Wirksamkeit von Achtsamkeit in der Psychotherapie durch die Entwicklung einer Haltung der Präsenz nutzen zu können, um heilsame Prozesse zu fördern.

Heute will ich Ihnen mein Arbeitsmodell vorstellen, mit dem ich die Achtsamkeitspraxis auch direkt in die Arbeit mit meinen Patient*innen integriere. Dabei geht es um Heilen durch Einsicht in Psychoanalyse und Buddhismus.

  • Welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede zeigen sich im Begriff der Einsicht aus Sicht der Psychoanalyse und der Vipassana-Meditation (Vipassana, dem Pali-Wort für Einsicht)?
  • Wie lassen sich die „Präsenz-Kultur“ des Buddhismus mit der „Einsichts-Kultur“ der Psychoanalyse (Zwiebel u. Weischede, 2009) in einen fruchtbaren Dialog bringen?

In meinen Supervisionen zeigt sich, dass dieses Arbeitsmodell auch für andere Psychotherapieverfahren hilfreich sein kann.

Meine Erfahrung: mit Hilfe dieser Vorgehensweise lässt sich ein heilsamer Bewusstseinszustand fördern, der die psychotherapeutische Vorgehensweise ergänzt und einen Zugang zu psychischer Flexibilität ermöglicht, der besonders – aber nicht nur – bei Patient*innen mit Störungen der Selbst- und Affektregulation hilfreich sein kann.


Zu Beginn eine Fallvignette aus meiner psychoanalytisch-psychotherapeutischen Praxis. (Sämtliche persönlichen Angaben sind anonymisiert)

Frau F. verliert sich immer wieder in einem Strom beängstigender Vorstellungen. Im Laufe der Jahre ihrer analytischen Psychotherapie hat sie einen guten Zugang zu lebensgeschichtlichen Zusammenhängen gefunden, hat ihre Depression weitestgehend überwunden. Viele ihrer Einsichten hat sie sich hart erarbeitet. Dabei musste sie sich durch manchen inneren Widerstand kämpfen.

Jetzt macht ihr die Vorstellung, eines Tages ohne meine therapeutische Unterstützung zurechtkommen zu müssen, sehr zu schaffen. Sie erkennt darin ein biografisches Muster. Ihre Verlassenheitsangst bringt sie in Verbindung mit frühen Erfahrungen mit ihrer Mutter. Die litt bereits zur Zeit ihrer Geburt und einige Monate danach an einer Depression. Durch diese war sie auch im späteren Verlauf ihrer Kindheit nicht in der Lage, die emotionalen Kontaktaufnahme ihrer Tochter adäquat zu beantworten.

Trotz ihrer Einsichten gerät sie – wenn auch seltener als früher – in schwierige Verfassungen, in denen sich ihre Angst und die damit einhergehenden Vorstellungen und Befürchtungen gegenseitig aufschaukeln. Ein Teil dieser Dynamik ließ sich durch die Tragfähigkeit unserer Beziehung und die dadurch mögliche Bearbeitung negativer Übertragungsanteile bereits lösen.

Dennoch tritt ihre Angst heute unvermittelt auf.

Ich schlage ihr vor, ihre Angst von den Vorstellungen getrennt wahrzunehmen und zu untersuchen. Ich begleite sie durch diesen Prozess, der sie an ihre Achtsamkeitsmeditation erinnert, die sie vor einigen Jahren erlernt hatte. Ich höre ihr dabei zu, wie sie ihre Wahrnehmungen schildert, und frage gelegentlich vertiefend nach.

Es fällt ihr schwer, diese aufdringlichen Vorstellungen zur Seite zu legen. Auch die Angst scheint darauf zu bestehen (so drückt sie es aus), über die Vorstellungen zu herrschen und sie mit immer neuen Details darüber, was ihr bevorstehen wird, zu füttern.

Nach einiger Zeit wird es möglich, das Gefühl der Angst „an-sich“ genauer zu erforschen.

Frau F. berichtet, wo genau sie ihre Angst spürt, welche Körperempfindungen dabei auftreten, welche Veränderungen im Laufe der wenigen Minuten, die dieser Angstanfall dauert, auftauchen und wieder vergehen. Dann beginnt sich ihre Angst zu legen. Stattdessen wird jetzt Wut in ihrem Bauch spürbar, die sich langsam ausbreitet, gefolgt von der Befürchtung, mir schaden zu können.

Ich ermutige sie, auch dieses Gefühl zunächst einmal als Gefühl wahrzunehmen, und erst später die begleitende Vorstellung genauer zu untersuchen.
Mit mehreren Durchgängen eingehender Untersuchung ihrer Wahrnehmungen bemerkt Frau F., wie sich der Charakter der Gefühle verändert. Schließlich spürt sie eine gewisse Entspannung, aber auch Erschöpfung.

Als sie sich jetzt ihren Vorstellungen zuwendet, stellt sie verblüfft fest, dass diese blass wirken und kaum mehr zu erinnern sind. Lediglich die Phantasie, mir mit ihrer Wut schaden zu können, macht ihr ein mulmiges Gefühl, das sich jedoch aushalten lässt.

Es ermöglicht uns, wieder ins Gespräch zu kommen, diesmal jedoch über den „wahren Kern“ einer Sorge, zu viel zu sein mit der Vielgestalt ihrer Gefühle. Sie erkennt, dass sich dabei ein verinnerlichtes Beziehungsmuster erneut bemerkbar macht. Es signalisiert, was sie bereits in ihrer frühen Kindheit erfahren hatte: „zu viel zu sein“. Damals für eine in ihrer Depression überforderte Mutter und den emotional abwesenden Vater, heute – so der Kern ihrer Vorstellung – für mich.

So weit zur Fallvignette.


„Heilen durch Einsicht“ wird in den psychotherapeutischen Traditionen oft mit der Psychoanalyse verknüpft. Dabei kommt der Begriff im Gesamtregister der Gesammelten Werke Sigmund Freuds explizit kein einziges Mal vor. In den späteren Strömungen der Psychoanalyse, etwa der Ich-Psychologie bei Kris und Greenson, rückt der Begriff jedoch „in die Rolle eines Hauptterminus“ der Psychoanalyse (Schöpf, A. in Mertens u. Waldvogel Hrsg.: Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, 2008).

Diesem Anspruch könnte die buddhistische Psychologie in den frühen Schriften des Pali-Kanons da schon eher gerecht werden. Der umfasst die frühesten Texte zu Reden des historischen Buddha. Es finden sich zahlreiche Stellen, in denen Einsicht als zentraler Begriff erscheint.

Darum hier zunächst die Perspektive der buddhistischen Meditationspraxis des Vipassanā.

Meditation als epistemische Praxis

Was für mich Vipassanā-Praxis in unvergleichlicher Weise zugänglich macht, sind die Phänomene des körperlichen, emotionalen und gedanklichen Erlebens „an-sich“. Das systematische Erforschen dieser Aspekte in der Meditation gehört seit einiger Zeit zu meinem persönlichen wie beruflichen Tun wie kaum ein anderes Instrument.

Es prägt die Art und Weise des Zuhörens und Wahrnehmens nach innen und aussen und kann mit Fug und Recht den Stellenwert einer mit der Zeit reifenden Grundhaltung in Anspruch nehmen. Diese ist jedoch zugleich dadurch gekennzeichnet, dass sie immer wieder neu eingenommen werden möchte.

Thomas Metzinger beschreibt in seinem Buch „Bewusstseinskultur“ die Meditation als eine Form des „inneren Handelns“ oder des „aufmerksamen Nicht-Handelns“. Er schreibt:

„Spricht man mit Menschen, die eine spirituelle Praxis ausüben, etwa mit Langzeitmeditierenden aus der Vipassanā- oder Zen-Tradition, dann zeigt sich schnell: Der Gegenstandsbereich, die Erkenntnisziele, die gesuchten Gegenstände des Wissens sind begrifflich nicht klar und deutlich benennbar. (…) Etwas allgemeiner könnte man dieses Ziel als einen neuen globalen Modus des bewussten Erlebens bezeichnen; als eine kontinuierlich erlebte Form des non-dualen Bewusstseins, das durch die Auflösung der Subjekt-Objekt-Spaltung und die Überwindung der individuellen Ich-Perspektive charakterisiert ist.“ (Metzinger, 2023; Hervorhebung durch mich)

Meditation als Weg zur Erkenntnis folgt einer Form der kontemplativen Betrachtung, die je nach Tradition unterschiedlich ist. In der Vipassanā- oder Einsichts-Meditation, die ihr Ziel explizit im Namen trägt, geht es um das Erlangen eines Gewahrseins, das je nach Übungsform breiter oder „einspitziger“ ist. Kornfield und Goldstein drücken das so aus:

„Werden Gewahrsein und Konzentration durch die Meditation stärker, so verbringen wir nicht mehr so viel Zeit in Gedanken, wodurch wir unsere Sinneseindrücke sensibler und feiner wahrzunehmen vermögen.“ (Kornfield, Goldstein, 1987)

Letzteres deutet bereits auf eine andere Form der Einsicht hin als die, über die wir üblicherweise in der Psychoanalyse sprechen, bei der sich im Sinne der „Redekur“ Sigmund Freuds zunächst einmal alles um das sprachlich vermittelte Denken dreht.

Wahrnehmungsidentität und Denkidentität

Freud verwendet in einem seiner Frühwerke, der Traumdeutung (1900) den Begriff der „Wahrnehmungsidentität“. Damit benennt er eine in der frühkindlichen Entwicklung vor dem Beginn der Sprachentwicklung entstehende sinnlich-mentale Abbildung einer Erfahrung in Verbindung mit der Befriedigung eines Bedürfnisses. Diese Abbildung verstand er als Vorstufe der von ihm so genannten Denkidentität, einer frühen Form des sprachlich vermittelten Bedeutungszuweisung.

Man könnte sagen, dass Wahrnehmungsidentität also für das „Erleben an sich“ steht, jedoch zugleich mit emotionaler Besetzung versehen wird und schon einen Handlungsimpuls beinhaltet. Freud tat sich in dieser frühen Phase der Entwicklung der Psychoanalyse jedoch schwer damit, diese als der psychoanalytischen Bearbeitung zugänglich zu betrachten.

Wenn wir in der Psychoanalyse heute seelische Phänomene erforschen, beschäftigen wir uns auch mit diesen frühen Phänomenen. Sie sind bei Menschen, deren Erleben dadurch besonders geprägt ist, weil sie unter frühen Traumatisierungen leiden, besonders bedeutsam, treten aber auch bei gesunden Menschen auf, ohne hier jedoch weiter untersucht zu werden.

In der Schmerzforschung und in Teilen der neurowissenschaftlichen Erforschung körperlicher Phänomene erleben wir gerade eine Renaissance der Untersuchung der inneren Wahrnehmung. Sie richtet sich auf die sogenannte Interozeption, das Spüren innerer Prozesse wie der Verdauung, des Bindegewebes oder des Blutstroms.

Sie spielt in unserem Verständnis körpernaher seelischer Vorgänge eine große Rolle. Hier finden wir auch ein somatisches Äquivalent für das, was in Form sogenannter Erinnerungsspuren in einem Bereich jenseits des bewussten Denkens körperlich „gemerkt“ und damit als Teil der subjektiven Wirklichkeit abgebildet wurde.

Warum erwähne ich das hier?

Introspektion und Interozeption

In der Vipassanā-Meditation stehen die folgenden „vier Grundlagen der Achtsamkeit“ im Mittelpunkt:

  • Erforschung der Körperwahrnehmungen
  • Erforschung der Gefühle (im Sinne von „angenehm – unangenehm“)
  • Erforschung der Vorstellungswelt und der Stimmungen
  • Erforschung der „Dhammā“.

Letzteres ist am schwierigsten zu übersetzen. Es meint einige komplexe Geistesinhalte, wie zum Beispiel fünf Formen von Widerständen, die sich unserem Bemühen entgegenstellen, eine Zusammenstellung von vier „Edlen Wahrheiten“, die sich mit der unbefriedigenden Wesenhaftigkeit bzw. den leidvollen Erfahrungen unseres Lebens befassen etc.

Diese introspektive Form des Erforschens aus der Ein-Person-Perspektive widmet sich dem, „was wirklich ist“. Es kann sich zur Erforschung des „Bewusstseins-als-Bewusstsein“ erweitern und damit in die Grenzbereiche der subjektiven Realität vordringen, wie Metzinger es bezeichnet.

Diese genaueste Wahrnehmung aller Vorgänge spielt sich so ab, dass auch die eben beschriebene Interozeption hierbei aktiviert und als Teil der bewussten Wahrnehmung kultiviert werden kann.

Und da wird es jetzt spannend. Hier begegnen wir nämlich zwei besonderen Umständen:

a) Einmal bewegt sich die meditative Erforschung so auch in die Nähe bisher nur unzureichend zugänglicher seelischer Phänomene, der eben erwähnten Erinnerungsspuren, und kann dadurch einen erheblichen Zugewinn an Erlebbarem bedeuten.
b) Auch die „ganz normale“ Selbstwahrnehmung gewinnt durch diese Entwicklung der Einsichts-Meditation eine Schärfe und Tiefe, die sich in besonderer Weise für therapeutische Zwecke nutzen lässt.

In ihrer integrativen Form als Teil eines psychoanalytisch-psychotherapeutischen Prozesses kann sich eine solche Form der Einsicht (Introspektion) nämlich an das anschließen, was wir in der analytischen Situation als freie Assoziation der Patient*innen bzw. gleichschwebende Aufmerksamkeit der Psychoanalytiker*innen beschreiben.

Es erweitert den Forschungsbereich um die Wahrnehmungswelt und die Forschungsmethode um einen Zugang der meditativen Praxis, die auf beiden Seiten des analytischen Paares Wertvolles beitragen kann zum Feld des analytischen (oder therapeutischen) Prozesses.

In meinem Fallbeispiel schildere ich diesen Vorgang im Verlauf einer Stunde mit meiner Patientin anhand eines relativ einfachen Zusammenhangs. Viel komplexere Verläufe könnte ich noch aus der Arbeit mit Patient*innen mit Somatisierungsstörungen, aber auch mit traumatisierten Patient*innen beschreiben, bei denen sowohl die Aufmerksamkeit der Patient*innen als auch meine Aufmerksamkeit immer wieder auf solche Wahrnehmungsphänomene gerichtet ist, wenn sich zeigt, dass vielschichtige seelische Vorgänge durch gedankliche Assoziationen nur schwer zugänglich sind.

Dabei spielen Erinnerungen sowohl als „Gewahrwerden geeigneter Mittel“ zur Untersuchung als auch als Teilaspekt der im psychoanalytischen Sinne konzeptualisierten Einsicht eine große Rolle.

Dazu komme ich im jetzt noch einmal im folgenden Abschnitt.

Trust the Process – von der Erinnerung zur Einsicht

Mit meinem Fallbeispiel beschreibe ich einen Teil des gemeinsamen Forschens, der mehr aus dem Prozess der Einsicht und des Erlebens „an-sich“ entstanden ist als aus dem des Erinnerns und Deutens.

Der psychoanalytische Begriff der Einsicht ist im Kern jedoch vom Erinnern und der Anerkennung von Zusammenhängen zwischen biografischen Ereignissen geprägt. Diese zeigen sich in konflikthaften Entwicklungen und deren Auswirkungen auf das aktuelle Empfinden und Verhalten. Wir betrachten sie mit Hilfe der Übertragungsanalyse und der Widerstandsanalyse. Das sind die tragenden Säulen eines Einsichtsbegriffes, wie wir ihn bei Psychoanalytiker*innen wie Hanna Segal oder Donald Winnicott finden.

Es gibt in der Psychoanalyse eine Kontroverse, welchen Stellenwert die Deutung im Verhältnis zur Beziehungserfahrung in der analytischen Situation hat.

Seit wir mehr über die große Bedeutung der Bindung in der seelischen Entwicklung wissen, verstehen wir besser, warum eine gute Beziehung in der Psychotherapie so wichtig ist. Doch darin geht es nicht nur um die von Winnicott beschriebene „holding function“ der Therapeutin bzw. des Therapeuten, die das haltende und nährende Element in der Beziehung zur Verfügung stellen kann.

Ein Nachreifen in der Entwicklung heißt ja auch, dass wir uns für Konflikte zur Verfügung stellen, und das gelingt nur, wenn Getrenntheit aushaltbar wird. Der dafür notwendige innere Halt entsteht nach meinem Verständnis und in Übereinstimmung mit der Objektbeziehungstheorie vor allem durch die Verinnerlichung sogenannter guter Objektrepräsentanzen. Damit wir etwas verinnerlichen, muss unser Affektniveau das zulassen. Das gelingt vor allem dann, wenn begleitend dazu eine gute Affektregulierung entstehen kann, die zum Beispiel eine ausreichende Angsttoleranz zur Verfügung stellt.

Und hier sehe ich die besondere Chance der Integration von Einsicht im Sinne der Vipassanā-Praxis. Je erfahrener wir mit unserer Wahrnehmungswelt sind, desto besser sind die Möglichkeiten, diese Einsicht zu gewinnen.

Das „Lernen durch Erfahrung“, also das gründliche Erforschen der Wahrnehmung des Körpers, der Gefühle, der Gedanken und der „Bedingtheit der zu betrachtenden Phänomene“ (Bhikku Analayo, Der direkte Weg – Satipaṭṭhāna, 2010), aus dem die Vipassana-Meditationspraxis besteht, verbindet sich mit dem, was ich in meinem Fallbeispiel kurz beschrieben habe, als es meiner Patientin gelang, ihre Wahrnehmung in der therapeutischen Stunde auf ihre Wahrnehmung zu lenken.

In der therapeutischen Auseinandersetzung spielt also das emotionale Erleben der Einsicht im Sinne einer bedeutsamen Erfahrung eine tragende Rolle als „Motor“ der Veränderung. Ein rein intellektuelles Verständnis oder eine kognitive Auseinandersetzung bewirkt per se keine Heilung.

Befreiungspragmatismus vs. Problemlösungssystematik

Da auch das kognitive Erfassen jedoch seine eigene Berechtigung hat, besteht die Erweiterung der Möglichkeiten, die ich hierin sehe und als mein Arbeitsmodell bezeichne, in einem flexiblen Perspektivwechsel, die ich mit Hanns Gruber und in Umformulierung durch Adriaan van Wagensveld als „Befreiungspragmatismus“ des Vipassana der „Problemlösungssystematik“ (Thomä u. Kächele) der Psychoanalyse gegenüberstellen möchte.

Ich verstehe „Problemlösung“ im Sinne einer Ich-Funktion, die nicht nur in Form eines Erklärens oder Deutens wirksam wird, sondern auch durch das, was Weiss und Sampson (Der psychoanalytische Prozess, 1986) als „Meisterung psychodynamisch wirksam gebliebener Traumata im Hier und Jetzt“ bezeichnen.

Was damit gemeint ist? In der Beziehung wird etwas erfahrbar, das dann als neue Fähigkeit oder neue Erfahrung „an-sich“ verinnerlicht und zur Keimzelle neuer Erfahrungen und Lösungen werden kann.

Hier tritt ein besonderes Moment der Einsicht im Sinne des „Lernens durch Erfahrung“ in Kraft, die wiederum neben die Einsicht aus buddhistischer Sicht treten kann.

Der Arbeit des italienischen Psychoanalytikers Antonino Ferro zufolge führt gar das Geschehen im analytischen Feld zu einer einzigartigen Erzählung, die ein neues Erleben im Sinne eines tiefgreifenden Heilungsprozesses entstehen lässt (Ferro 2005: Im analytischen Raum)

Dazu Thomas Ogden, einer der meist gelesenen Psychoanalytiker der Neuzeit: „Nach meiner Auffassung erfordert die Entwicklung einer analytischen Sensibilität vom Analytiker zwingend, dass er seine Fähigkeit verbessert, die lebendigen Augenblicke einer analytischen Sitzung viszeral zu spüren; zu hören, dass ein Wort oder ein Satz durch die Art, wie er benutzt wird, auf interessante und unerwartete Weise >>neu zum Leuchten gebracht<< wurde (…).“ (Ogden 2004: Gespräche im Zwischenreich des Träumens)

Auch hier also etwas, das ich eben mit der Interozeption als „viszerale“ Wahrnehmung beschrieben hatte. Ein sinnliches Erleben in der analytischen Begegnung, die voraussetzt, dass wir uns ganz auf die Begegnung einlassen, zugleich jedoch immer wieder die Perspektive wechseln können, um das, was wir wahrnehmen, auch auswerten und für die Analyse nutzbar machen können.

Dabei steuert der/die Psychoanalytiker*in im analytischen Prozess sein/ihr Änderungswissen (Kaminski 1970: Verhaltenstheorie und Verhaltensmodifikation) sowie seine/ihre Beteiligung als Gegenüber eines ko-kreativen Prozesses bei, nicht ohne

„bereit und in der Lage (zu) sein, nicht zu wissen und dadurch in sich Raum zu schaffen für das Erlebnis bzw. die Kreation einer Anzahl potenziell erlebbarer/produzierbarer Bedeutungen (…).“ (Ogden, Gespräche im Zwischenreich des Träumens, 2004)

Einsicht ist also in all diesen Konzeptionen wesentlich mit einer klareren Wahrnehmung der inneren und äußeren Realität verbunden.

Diese Form der Einsicht lässt sich nach meiner Erfahrung sehr gut mit dem zuvor ausführlich beschriebenen, meditativen Prozess der Vipassanā-Tradition verbinden, als Teil eines multiperspektivischen Erforschens gemeinsam mit meinen Patient:innen nutzen und als Erweiterung dessen verwenden, was in unserer psychotherapeutischen Arbeit zur Heilung verhelfen soll.

Und jetzt: in die Praxis.

Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

P.S.: Wenn Sie sich eingehender für einen Dialog zwischen Psychoanalyse und Vipassana interessieren und die Perspektive der Einsicht Sie dabei besonders neugierig macht, hören Sie doch einmal hinein in ein Gespräch zwischen dem Vipassana-Lehrer Adriaan van Wagensveld und mir.

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Wir sprechen über Heilung, Bewusstsein, die psychotherapeutische Beziehung, das Unbewusste und über die Verbindung von Psychotherapie und Spiritualität. Ein persönlicher und tiefgehender Dialog über Psychoanalyse, Meditation und innere Veränderung.

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