Was passiert mit uns, wenn wir uns „Gedanken machen“? Diese Frage beschäftigte mich in meinem letzten Newsletter zum Thema „Gedanken ohne Denker:in“.
Über eine umgangssprachliche Bedeutung dieser Formulierung des „sich Gedanken machen“ gelangte ich zum wiederholten Mal zu einer drängenden Frage, die ich heute aufgreifen und mit meinem Beitrag zu Intentionalität und Absichtslosigkeit zu einer Vertiefung nutzen will:
Wenn ich ständig im „Hier und Jetzt“ bin, tue ich dann eigentlich noch irgend etwas für Frieden, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit? Ist Achtsamkeit dann nicht wirklich ein individualistischer Rückzug, der jede Bemühung um eine bessere Welt lähmt?
Ähnliche Fragen wirft auch Kathrin Fischer in ihrem Ende April erschienenen Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“ auf. Ihr Beitrag zur Diskussion ist eine Auseinandersetzung mit dem Achtsamkeits-Hype, die ich Ihnen gerne zur Lektüre empfehle.
Sie schreibt:
„Es geht um die große und bedeutsame Frage, wie das Leben gelingen kann. So sehr diese Frage eine gesellschaftliche ist, so sehr erlebt jede sie als individuelle und persönliche Frage, die eng an die eigenen Lebensverhältnisse, Wünsche und Ressourcen gebunden ist.“
Mit ihrer Analyse entlarvt sie den Hype um die Achtsamkeit aus soziokultureller Perspektive als Zeitphänomen, an dem sie kein gutes Haar lässt, und unterscheidet mitunter wenig differenziert zwischen Wellness-Trend und Achtsamkeit im Kontext alter Weisheitstraditionen wie dem Buddhismus.
Fischer formuliert ihre Kritik an „Glaubenssätzen der Achtsamkeit“, die die Achtsamkeit als Ideologie erkennen liessen:
„Erstens bietet Achtsamkeit individuelle Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Zweitens verlagert sie konkrete Missstände auf eine existenzielle Ebene und hinterfragt drittens die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit, nicht jedoch die Verhältnisse selbst. Mit Resilienz erhebt sie viertens Anpassung zum Ideal, verkauft fünftens gestische Subversion als Widerstand und dehnt sechstens ihre Wirkung von der privaten in die öffentliche Sphäre aus.“
Ohne hier auf alle diese sechs Thesen eingehen zu wollen, möchte ich doch das Anliegen der Autorin noch einmal darauf zurückführen, was sich mir selbst als wiederkehrende, kritische Frage stellte, und damit auch das Thema meines heutigen Newsletters aus dieser fragenden Perspektive betrachten.
Dazu setze ich drei Schwerpunkte:
- Was ist der Unterschied zwischen Intentionalität als Haltung, wie wir sie bei Husserl finden, und Zielorientiertheit, wie sie als Teil moderner, oft positiv-psychologischer Leistungsmotivationen erscheint?
- Wann wird Absicht zu einer Engführung, und wo kann Absichtslosigkeit uns einen Vorteil verschaffen, um in der Auseinandersetzung mit den allgegenwärtigen „Poly-Krisen“ nicht auszubrennen?
- Was lässt sich daraus für unseren Umgang mit dieser Frage im psychotherapeutischen Setting schließen?
Intentionalität
Was ist Intentionalität? Kurz gesagt, handelt es sich um einen Aspekt unseres Bewusstseins.
Ich schreibe in meinem letzten Newsletter dazu Folgendes:
„Dennoch prägt unsere Vorstellung von Bewusstsein nicht nur den Denkvorgang, sondern auch etwas, das wir nach Edmund Husserl als Intentionalität bezeichnen können. Dabei meint dieser Begriff nicht so sehr eine bestimmte Absicht, sondern eher eine „Ausrichtung“, eine Lenkung unserer Aufmerksamkeit, mit der wir nicht zwangsläufig bestimmte Vorstellungen, Urteile und Erwartungen verbinden.
Es handelt sich um eine Haltung, die uns mal offener und weiter, mal fokussierter sein lässt, und die wir insofern steuern können, als wir mit einiger Übung zwischen unterschiedlichen Graden des Öffnens und Schließens unserer Aufmerksamkeit (vergleichbar mit einer Blende im Fotoapparat) wechseln können.“
Ich spreche hier von der Lenkung der Aufmerksamkeit, die für mich einer der zentralen Aspekte und Wirkfaktoren der Achtsamkeit ist.
Hölzel et al. beschreiben in ihrer Arbeit „How Does Mindfulness Meditation Work?“ (2011) vier Wirkfaktoren von Achtsamkeitsmeditation aus neurowissenschaftlicher Sicht, zu denen sie die Aufmerksamkeitslenkung oder -regulierung mit Aktivitäten im vorderen cingulären Cortex, einem Bereich des Gehirns in Verbindung bringen.
Das ist ein Bereich der Hirnrinde, der aus neurowissenschaftlicher Sicht also von zentraler Bedeutung das Bewusstsein ist.
Absichtslosigkeit
Was ist Absichtslosigkeit? Aus der buddhistischen Perspektive haben wir es hier mit einem der „drei Tore der Befreiung“ zu tun, die in der bildreichen Sprache des Buddhismus drei Aspekte gerichteter Aufmerksamkeit und Konzentration beschreiben, um die Welt der Zuschreibungen und Bewertungen zu relativieren:
Leerheit, Zeichenlosigkeit und Absichtslosigkeit.
Was können wir uns darunter vorstellen?
Auch hier begegnen wir – wie bei der Achtsamkeit – dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die sich nur schwer isoliert verstehen lassen.
Im Kern einer komplexen Theorie der Befreiung steht die Frage nach der Essenz des Lebens, dem tiefen Sinn alles Seins. Was definiert unsere Existenz? Sind es unsere Namen, Ziele und unsere (Selbst-)Bewertungen, oder gibt es eine tiefere Wurzel des Seins, die keiner Bezeichnung, Festlegung durch Konventionen oder Zuschreibungen bedürfen?
Dabei spielt die Absichtslosigkeit eine bedeutsame Rolle, weil sie als eine Alternative für unser ständiges Drängen nach Erfüllung, das Streben nach Zielen und das Leistungsstreben vorgeschlagen wird.
Sie bildet damit ein Gegengewicht zu einer anderen Grundvoraussetzung des Menschseins, der ethischen Lebensführung im Buddhismus, mit der sich die Verbundenheit der Menschen untereinander in besonderer Weise durch Verantwortungsgefühl für das Wohl aller ausdrückt.
Es geht dabei jedoch nicht um eine Leistung, sondern um etwas, das sich gleichsam als natürliche Konsequenz der Einsicht ergibt und keiner ergebnisorientierten Anstrengung bedarf.
Leerheit ist – im Hinblick auf das Ziel der Befreiung – nicht als Bedeutungslosigkeit zu verstehen, sondern als Nichtvorhandensein eines separaten, autonomen Selbst. Dadurch entfallen viele Voraussetzungen für Konkurrenz, Neid und Eifersucht, Gier oder Hass, die als Ursache für viele leidvolle Erfahrungen gelten.
Mit Zeichenlosigkeit beschreibt die buddhistische Lehre schließlich den Umstand, dass Bezeichnungen zwar wichtige Konventionen sind, weil wir uns mit ihrer Hilfe verständigen können, aber nicht mit dem Bezeichneten zu verwechseln sind. „Das Ding an sich“ ist also zeichenlos.
Gemeinsam mit diesem nicht-dualistischen Miteinander gegensätzlich erscheinender Aspekte wird aus der Absichtslosigkeit eine günstige Bedingung für die Entwicklung einer Haltung, durch die unsere Bemühungen sich auf den Weg konzentrieren können, statt auf ein bestimmtes Ziel fixiert zu sein. Diese Haltung ist von Offenheit statt von Vorhaben, von Neugier statt von Wissen, von Verbundenheit statt von Konkurrenz geprägt.
Damit nähern wir uns wieder der eingangs gestellten Frage und einigen Schlussfolgerungen für unsere Arbeit.
Intentionalität und Absichtslosigkeit – wie gehen sie zusammen?
Wer entweder die eine oder die andere Seite des eben genannten, scheinbaren Gegensatzes zwischen Absichtslosigkeit und ethischer Lebensführung betrachtet, wird schnell zum Schluss kommen, dass es sich hierbei um Unvereinbarkeiten handelt. Dieses Problem scheint auch Kathrin Fischer in ihrem Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“ umzutreiben.
Ihre Irritation über Achtsamkeit als Modeerscheinung einer kapitalistischen Moderne teilt sie mit vielen Menschen, die in der Achtsamkeitsmeditation ein wirksames Mittel für mehr Wohlbefinden sehen, aber zugleich auch erkennen, dass Achtsamkeit „an sich“ mitnichten Wohlbefinden bedeutet, sondern lediglich eine besondere Form der Aufmerksamkeitslenkung darstellt, mit deren Hilfe sich erforschen lässt, was „wirklich ist“.
Damit wird nicht nur die Entspannung spürbar, sondern auch die Anspannung, nicht nur der innere Frieden, sondern auch Trauer und Schmerz.
Wie so oft findet sich der Reim, den wir uns aus der sonst nur schwer lösbaren Frage machen können, irgendwo in der Mitte. Aus buddhistischer Sicht betrachtet wird das nicht verwundern. Schließlich gilt „Der Weg der Mitte“ auch als Synonym für die buddhistische Lehre, sofern wir sie als Ausdruck einer Lebensführung betrachten und sie mit einer Überschrift versehen wollen.
Was bedeutet das hinsichtlich der Intentionalität und der Absichtslosigkeit? Wenn ich dabei noch einmal auf meine Frage zurückkomme, wie sich das „im Hier und Jetzt sein“ mit ethischer Lebensführung und gesellschaftlicher Verantwortung vereinbaren lässt, dann komme ich für mich zu dem Schluss, dass
- Der Weg nach Innen ins Aussen führt
- Der Weg nach Aussen ins Innere verweist
- Es nicht um ein Entweder-Oder dualistischer Lesart geht, sondern um ein Sowohl-Als-Auch.
Es ist essenziell, dass wir eine neue Qualität des Seins zur Situation des Leidens in der Welt mitbringen.
Thich Nhat Hanh
Zenmeister Thich Nhat Hanh gilt als einer der bedeutendsten Wegbereiter der Achtsamkeit im Westen. Er kam aus seinem Heimatland Vietnam nach Amerika, um dort für ein Ende des Krieges zu werben.
Er war zugleich ein Friedensaktivist, ein Botschafter weltweiter Verständigung und internationaler Solidarität, und ein Mensch, der nicht müde wurde in seinem Bemühen um einen tiefgreifenden Wandel der/des Einzelnen.
In seinem letzten Buch „Zen und die Kunst, die Welt zu retten“, finden sich viele Hinweise darauf, wie sich diese Lebensweise auch ohne eine jahrzehntelange buddhistische Praxis in die Tat umsetzen lässt.
Ein weiteres Zitat aus seinem Werk:
„Wenn unsere Arbeit und unser Leben eine spirituelle Dimension haben, sind wir fähig, uns gut und nachhaltig um uns selbst zu kümmern und wir können vermeiden, einen Burn-out zu bekommen.“
Eine Haltungsfrage?
Ich schlussfolgere aus diesen Überlegungen, dass eines der wesentlichen Geheimnisse einer verantwortungsvollen Achtsamkeit darin liegt, sie nicht als „Patentrezept“ für alle Seinsfragen zu betrachten, sondern als Teil eines bedeutsamen Ganzen zu erkennen, dessen isolierende Zergliederung das Wesentliche zerstört.
Das lässt sich sowohl für die Vereinnahmung von Achtsamkeit als „Entspannungsverfahren“ sagen als auch für die polarisierende Kritik an „Achtsamkeit“, wenn doch die eigentliche Kritik der Instrumentalisierung und Vereinnahmung für eine individualistische, neoliberale Welt ungehemmten Wachstums und verantwortungsloser Ausbeutung gelten sollte. Zumindest meine ich das.
Für mich bedeutet diese Antwort auch, dass ich als Psychoanalytiker sowohl in meinen psychotherapeutischen Sitzungen als auch auf dem Meditationskissen mit mir und meinen Patient*innen zur Ruhe kommen kann, um gemeinsam aus je eigener Perspektive den Weg nach Innen zu suchen, ohne dem schlechten Gewissen zu erliegen, dass ich ja gerade nichts gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung in der Welt da draußen tue.
Die Haltung der Absichtslosigkeit auch als Teil einer möglichen Antwort auf das Zeitphänomen der Erschöpfung zu betrachten, die Fischer in ihrem Buch beschreibt, hat für mich drei Vorteile:
- Ich muss nicht etwa gleichgültig und ohne Interesse sein, um zur Ruhe zu kommen, sondern ich kann meine Aufmerksamkeit auf das richten, was da ist und getan werden muss, und zwar in jedem einzelnen Moment, einen Schritt nach dem anderen.
- Ich kann die Angst wahrnehmen und lernen, sie zu tolerieren, ohne sie ans Ruder meiner Entscheidungen und meines Handelns zu lassen.
- Ich kann meine Patient*innen darin unterstützen, so viel Mut zu entwickeln, wie sie benötigen, um sich alles anzuschauen, was an Erfahrungen aus der Vergangenheit ihre Gegenwart prägt und droht, ihre Zukunft zu bestimmen.
Was meinen Sie? Haben Sie sich eine solche Frage bereits gestellt und eine eigene Antwort darauf finden können? Stehen bei Ihnen Achtsamkeit und berufliches bzw. persönliches Engagement in Konkurrenz zueinander, oder finden Sie Aspekte, die der gegenseitigen Ergänzung dienen können?
Und jetzt: in die Praxis.
Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

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