Nehmen Sie es nicht persönlich! Gedanken ohne Denker*in – in Psychoanalyse und buddhistischer Psychologie

gedanken ohne denker*in

Meine Berichte als Psychoanalytiker aus meiner Achtsamkeitspraxis stammen immer aus meiner eigenen Erfahrung. Ich lerne z.B., die Achtsamkeitsmeditation für mich zu nutzen, um selbstfürsorglicher und präsenter zu sein, und berichte über Fortschritte und Fallstricke, wertvolle Entdeckungen oder bemerkenswerte Besonderheiten aus meiner persönlichen Perspektive.

Neben meiner formalen Meditationspraxis und meinen Bemühungen, im (Praxis-)Alltag achtsam zu bleiben, studiere ich dazu buddhistische Quellen und lese psychoanalytische und psychotherapeutische Fachliteratur.

Dabei fallen mir immer wieder Zusammenhänge auf, über die ich schreibe, sobald ich deren Praxisbezug erkenne und durch meine persönliche Achtsamkeitspraxis dazu beisteuern kann.

Bei meinem heutigen Thema „Gedanken ohne Denker*in“ ging es mir wieder einmal so, dass ich auf Parallelen zwischen buddhistischen und psychoanalytischen Texten stieß. Sie ermöglichen mir einen frischen Zugang zu einer Erfahrung meiner Meditationspraxis, die ich offenbar mit vielen Praktizierenden teile:

In der Meditation bemerke ich, wie mühsam es ist, meine Gedanken „ziehen“ zu lassen, statt ihnen zu folgen. Ich sitze oft und stelle nach einiger Zeit fest, dass ich etwas durchdenke, statt die Gedanken nur wahrzunehmen und „sein zu lassen“, sie zu beobachten und nicht weiter nachzudenken.

Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich

Dafür, dass wir uns als Menschen so sehr durch das Denken definieren, dass wir beifällig dem Zitat von Descartes zunicken könnten, gelingt es uns oft erstaunlich schlecht, diese Gedanken auch nur für eine kurze Zeit zu steuern, geschweige denn uns zu entscheiden, nicht zu denken. Aber ist das überhaupt notwendig?

Was würden Sie sagen, wenn Sie im Verlauf dieses Beitrags mit mir zu dem Schluss kämen, dass uns unsere Gedanken eher „widerfahren“ als dass wir sie uns „machen“?

Was würde es in Ihnen auslösen, wenn Sie zu der Erkenntnis gelangten, dass Ihr Denken nicht Ihrer Kontrolle unterliegt?

Welche Konsequenzen hätte das für Ihr Denken? Was würde daraus für Ihr Selbstgefühl folgen? Wären Sie erleichtert? Gestresst? Verunsichert?

Kürzlich formulierte es der Vipassana-Meditationslehrer Adriaan van Wagensveld in meiner Morgenmeditation so:

„Stellt Euch vor, da sitzt ein junger Mann hinten in der Straßenbahn und ist eingenickt. In dem Moment, wo er wieder aufwacht, denkt er, dass er der Straßenbahnführer ist, die Straßenbahn durch die Innenstadt lenkt, nächste Haltestelle Rathaus.
Im nächsten Moment ist er schon wieder eingenickt. Die Straßenbahn fährt weiter. Würdet Ihr aus dieser punktuellen Einschätzung, aus dem Dämmerschlaf eines jungen Mannes im Heck einer Straßenbahn, schlussfolgern, dass dieser Mann der Fahrer der Straßenbahn sei?
So ähnlich verhält es sich mit uns, wenn wir versuchen, unsere Gedanken zu steuern. Versucht mal, fünf Minuten einfach nur Euren Atem zu beobachten. Nichts weiter. Das ist doch das Einfachste der Welt, oder?“

Diese kleine, provokative Übung führte bei mir zu einer Ernüchterung hinsichtlich dieses Vorhabens, die Gedanken zu kontrollieren, und angesichts der Unmöglichkeit, mein Vorhaben absichtsvoll nur fünf Minuten durchzuhalten.

Es war keine grundsätzlich neue Einsicht, aber im Zusammenhang mit meiner aktuellen Lektüre trifft sein Einwurf den wunden Punkt:

Wir fühlen uns meistens nicht in der Lage, störungsfrei zu denken. Wir haben uns längst nur an die Unzulänglichkeiten unserer Kontrolle darüber gewöhnt.

Dennoch folgen wir der Vorstellung, wir seien verantwortlich für unsere Gedanken, könnten sie steuern, machen oder kontrollieren.
Nehmen Sie es nicht persönlich, aber da passiert doch eher etwas mit uns, als dass wir behaupten könnten, es sei ein „Ich“, das denkt, oder?

Gedanken ohne Denker*in

Einer der bedeutsamsten Vertreter psychoanalytischer Denktheorien, der britische Psychoanalytiker Wilfred R. Bion, irritierte die Fachwelt in den 1960er Jahren mit der These, dass es Gedanken ohne Denker*in gibt.

Nach Bion entsteht unser Denken im Säuglingsalter ursprünglich unter dem Druck, unangenehme Empfindungen loszuwerden.

Er schreibt in seinem 1962 erschienen Buch „Lernen durch Erfahrung“:

„Die Aktivität, die wir als >>Denken<< kennen, war ursprünglich eine Verfahrensweise, um die Psyche von Reizzuwächsen zu entlasten, und der Mechanismus ist der, welcher von Melanie Klein als projektive Identifikation beschrieben wurde.“

In der frühkindlichen Entwicklung findet dieser Vorgang in der Interaktion zwischen Mutter und Kind statt. Wenn der Säugling mangels Fähigkeit, diese unangenehmen Empfindungen zu bewältigen, diesen Mechanismus verwendet, den Melanie Klein als projektive Identifizierung bezeichnete, dann beschreibt dieser Begriff letztlich etwas, das wir für den Säugling vielleicht vereinfachend in die Worte fassen könnte:

„Kannst Du damit was anfangen? Kannst Du mir helfen, dieses unangenehme Gefühl loszuwerden?“

Gedanken sind nach Bion etwas, das in uns andrängt. Ein Denkapparat, wie er ihn nennt, entsteht erst unter dem Andrängen dieser Gedanken.

Stellen wir uns einmal vor: Ein Säugling hat Hunger, aber es ist keine Brust da, die ihn stillt. Die unangenehme Erfahrung entspricht in diesem Fall dem ausbleibenden Befriedigungserlebnis der Sättigung beim Stillen.

Hier könnte – so Bion – der erste Gedanke dadurch entstehen, dass sich eine Erfahrung „no milk“ in Abwesenheit des Befriedigungsobjekts „Milch“ bildet. Das psychische Geschehen, das als kompliziertes Gemisch aus neuronalen Impulsen in Form von Sinneseindrücken und begleitendem Affekt mit der Qualität „unangenehm“ entsteht, führt sodann zur Bildung eines weiteren psychischen Geschehens, das wir „Denken“ nennen.

Das Bewusstsein als Sinnesorgan

Um diesen Charakter des Unpersönlichen noch etwas besser einzuordnen, hilft es, für einen Moment dem Verständnis der buddhistischen Psychologie zu folgen, wonach es sich bei unserem Denken um einen Ausdruck unseres Bewusstseins handelt, der den uns vertrauten fünf Sinnen gleichgestellt wird.

Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken – alle diese Qualitäten werden dann gleichermaßen als Funktionen der Sinneswahrnehmung betrachtet.

Würden Sie sich dafür verantwortlich fühlen, was Sie als Klang hören, als Geruch riechen oder als Geschmack schmecken? So betrachtet, ergibt es ebenso viel mehr Sinn, dem Denken der Gedanken, der Verarbeitung von Sinnesreizen, ebenfalls einen unpersönlichen Charakter zuzuschreiben.

Auch wenn diese Betrachtung aus unserer westlichen Perspektive einer Kränkung gleich kommen mag, weil dem Denken damit keine übergeordnete Stellung mehr zukommt, hat diese Einordnung doch enorme Vorteile.

So können wir unser Denken als Geistestätigkeit gleichermaßen relativieren wie das Sehen dessen, was unsere Augen wahrnehmen, oder das Riechen dessen, was unsere Nase wahrnimmt.

Relativierend insofern, als wir das Einströmen der Sinnesreize zwar nicht verantworten, aber unsere Reaktion darauf betrachten und – wenn auch in engeren Grenzen als „beim Denken gedacht“ – verändern können.

Aber nicht nur die buddhistische Psychologie nimmt diese Einordnung vor. Wenn wir Wilfred Bion folgen, dann war auch er – in Übereinstimmung mit Sigmund Freud – dieser Auffassung:

„Unter Bewußtsein verstehe ich in Übereinstimmung mit Freud ein >>Sinnesorgan für die Wahrnehmung von psychischen Qualitäten<<.“

Im Entwurf einer Psychologie von 1895 schreibt Freud dazu, das Bewusstsein sei

„die subjektive Seite eines Teiles der physischen Vorgänge im Neuronensystem, nämlich der Wahrnehmungsvorgänge“.

Auch in seinem 1938 erschienenen Aufsatz „Abriss der Psychoanalyse“ schreibt er noch einmal:

„Das Bewusstwerden ist vor allem geknüpft an die Wahrnehmungen, die unsere Sinnesorgane von der Aussenwelt gewinnen.“

Aber nicht nur die buddhistische Psychologie nimmt diese Einordnung vor. Wenn wir Wilfred Bion folgen, dann war auch er – in Übereinstimmung mit Sigmund Freud – dieser Auffassung:

In der Denktheorie Freuds begegnen wir in der Konzeptualisierung der Versuche, unlustvollen Wahrnehmungen zu begegnen, in Form des von ihm entworfenen „Sekundärprozesses“, den er vom „Primärprozess“ des Unbewussten abgrenzt.

Seine Vorstellung des Denkvorgangs folgt dem Bemühen, die psychische Arbeit als Bewältigung affektiver Vorgänge zu verstehen und diese Denktheorie zu nutzen, um die Funktionsweise des unbewussten Denkens besser zu erfassen.

Unbewusstes Denken?

Was aber ist es nun, das unseren Bewusstseinsbegriff geschichtlich mit Descartes und später durch Kant so geprägt hat, dass wir dem Denken eine so übergeordnete Rolle zuschreiben, die doch so viel Verwirrung stiften kann?

Wenn Freud vom „psychischen Sinn“ spricht, betrachtet er das Bewusstsein aus der Perspektive dessen, was dem Bewusstsein „vorausgeht“: dem Vorbewussten.

Während in der buddhistischen Lehre das Unbewusste als Teil des sogenannten Speicherbewusstseins betrachtet wird, in dem wir alle „Anlagen“ für geistige Vorgänge finden, definiert die Psychoanalyse „unbewusst“ und „bewusst“ als voneinander getrennte, eigenständige Entitäten.

„Vorbewusst“ bildet die Brücke zwischen beiden. Die Silbe „vor“ deutet auf den Teil des Unbewussten hin, der prinzipiell bewusstseinsfähig ist, auch wenn er uns nicht immer und vollständig gegenwärtig ist.

Dass nun auch ein unbewusstes Denken ständig aktiv ist und uns im Folgenden noch weiter beschäftigen kann, liegt auf der Hand, wenn wir dieses Denken als eine Grundaktivität des Gehirns betrachten.

Dennoch prägt unsere Vorstellung von Bewusstsein nicht nur den Denkvorgang, sondern auch etwas, das wir nach Edmund Husserl als Intentionalität bezeichnen können. Dabei meint dieser Begriff nicht so sehr eine bestimmte Absicht, sondern eher eine „Ausrichtung“, eine Lenkung unserer Aufmerksamkeit, mit der wir nicht zwangsläufig bestimmte Vorstellungen, Urteile und Erwartungen verbinden.

Es handelt sich eher um eine Haltung, die uns mal offener und weiter, mal fokussierter sein lässt, und die wir insofern steuern können, als wir mit einiger Übung zwischen unterschiedlichen Graden des Öffnens und Schließens unserer Aufmerksamkeit (vergleichbar mit einer Blende im Fotoapparat) hin und her wechseln können.

Unbewusstes Denken entzieht sich definitionsgemäß unserem bewussten Zugriff. Wir können jedoch versuchen, günstige Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass dieses unbewusste Geschehen „durchscheint“ und als solches indirekt erschlossen werden kann, indem wir die Charakteristika des unbewussten Denkprozesses nachahmen bzw. berücksichtigen: Assoziation, Verdichtung, Verschiebung.

Was im sogenannten sekundärprozesshaften Denken des Bewusstseins Ordnung schafft, indem es Urteile, gerichtete Verhaltensweisen und Verarbeitung ermöglicht, wird in der psychoanalytischen Betrachtung so weit wie möglich einer kritischen Prüfung unterzogen.

In der Psychoanalyse erforschen wir das „dynamische Unbewusste“, das wir als Ergebnis von Abwehrvorgängen leidvoller Spannungszustände verstehen. Dieser Teil des Unbewussten entsteht durch die Verdrängung konflikthafter Erfahrungen und bildet damit den Ursprung der Neurosen.

Um diese Zusammenhänge zu erforschen, machen wir uns den Umstand der indirekten Erschließbarkeit in der Traumdeutung, der spontanen Einfälle unserer Patient*innen oder der Deutung von Alltagsereignissen zunutze, indem wir gemeinsam mit unseren Analysand*innen mit Hilfe des freien Assoziierens auf deren Seite und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit der Analytikerin bzw. des Analytikers arbeiten.

Erforschung der Gedankenwelt in der Meditation

Mit diesen Überlegungen kehre ich zu meiner Ausgangserfahrung zurück, die den Anlass meines heutigen Berichts bildet.

Als Psychoanalytiker habe ich gelernt, meine Gedanken und Eindrücke daraufhin zu untersuchen, welche Verbindung sie zu den hörbaren und fühlbaren Beiträgen meiner Patient*innen haben. Ich suche nach Hinweisen auf unbewusste Vorgänge und achte im Beziehungsgeschehen darauf, ob sich Übertragungsphänomene erkennen lassen, die prägenden Mustern aus früheren Beziehungserfahrungen entsprechen könnten, um diese mit meinen Patient:innen bearbeiten zu können.

Darüber hinaus erweitert die These „Gedanken ohne Denker*in“ meine Perspektive nun um etwas, das nach meiner Erfahrung für die psychotherapeutische Arbeit sehr hilfreich ist.

In der Meditation verbessert sich meine Fähigkeit, gegenüber meinen Sinneseindrücken eine Haltung einzunehmen, die es mir ermöglicht, herauszufinden, was wirklich ist – als Ergebnis eines meditativen Erforschens des Hier und Jetzt, das im Wahrnehmungsvorgang verwurzelt bleibt und die direkte Erfahrung des Moments untersucht und zum Lernen nutzt.

Dieser Zuwachs an Möglichkeiten findet sich auch in der Formulierung „Sati Sampajāñña„, den Sie aus einigen meiner früheren Beiträge zu diesem Thema vielleicht noch in Erinnerung haben, der achtsamen Wissensklarheit, die im Mittelpunkt der Einsichtsmeditation steht.

Es geht eben nicht darum, bei der Achtsamkeit (Sati) stehenzubleiben, sondern darum, sie um das Erforschen des Wahrgenommenen zu erweitern. Die daraus gewonnenen Einsichten lassen sich weiterentwickeln und je nach Kontext verwenden:

  • In der formalen Meditation erforsche und trainiere ich mein Bewusstsein
  • Im ethischen Handeln bringe ich zum Ausdruck, was ich in der Meditation direkt erfahre und welche Schlüsse ich ziehe aus
    • der Vergänglichkeit
    • der Relativität des Selbst
    • der Verbundenheit mit allen und allem
    • der leidvollen Konsequenzen meiner Angewiesenheit auf Angenehmes und der Abneigung gegenüber Unangenehmem

Was hilft es?

In der psychoanalytischen Theorie, z.B. bei Freud und Bion, und in der daraus entstandenen Praxis sehe ich eine Möglichkeit, die unbewusste Dynamik der Selbst-Objekt-Beziehungen, der inneren Konflikte und der psychischen Strukturen zu untersuchen und für die Psychotherapie nutzbar zu machen.

Dabei fungiert das Denken als Verarbeitungs- und Bewältigungsvorgang. Es bringt jedoch durch Vorstellungen, Urteile, Erwartungen und Befürchtungen auch viele Probleme mit sich, die als Teil des psychischen Geschehens in Reaktion auf die Wahrnehmung unserer Sinneseindrücke bewusst gemacht und – wo notwendig – verändert werden können.

Durch die meditative Erforschung des Denkens im vergleichbaren Sinne wende ich mich dem Geschehen „an sich“ zu, mache mich mit den Vorgängen des Psychischen vertraut, entdecke die Besonderheiten des Geschehens im Hier und Jetzt.

Ich kann durch mein „Bewusstsein des Bewusstseins“ oft heilsamerweise erfahren, was „wirklich ist“ und was mein Geist hinzufügt, erdenkt oder (in mitunter leidvoller und unbefriedigender Weise) interpretiert.

Ich bin neugierig, ob Sie darin die von mir wahrgenommene Erweiterung unserer Möglichkeiten psychotherapeutischen Arbeitens erkennen, oder ob Sie diesen Gedanken fragwürdig bzw. nur beschränkt nachvollziehbar finden?

Was wären Ihre Einwände? Was ist Ihre eigene Erfahrung? Ich freue mich über Ihre Einschätzungen dazu.

Und jetzt: in die Praxis.

Mit herzlichen Grüßen aus Wuppertal,
und auf dem Weg in meinen Urlaub auf La Gomera,

Sönke Behnsen

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