Gleichmut ist eine sehr bedeutsame, aber auch schwer zu erlernende Fähigkeit in der Arbeit als Psychotherapeut*in.
Wir übersetzen Gleichmut heute oft mit Gelassenheit, weil er mitunter verwechselt wird mit Gleichgültigkeit. Bei genauer Betrachtung bedeutet er jedoch – in der Kombination mit weiteren Faktoren – genau das Gegenteil.
Gleichmut gehört zu den allgemeinen Wirkfaktoren, die Sie mit Meditation trainieren können. Diese Faktoren tragen zu 30% der Ergebnisqualität Ihrer Psychotherapie bei.
Das ergab eine Meta-Analyse von Lambert&Barley 2001.
Durch meine Arbeit als Ambulanzleiter in einem psychoanalytischen Ausbildungsinstitut habe ich viel für meine Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut gelernt. Neben verfahrensspezifischen Faktoren, die während der Ausbildungsbehandlungen in dieser Ambulanz vermittelt werden, gehören die allgemeinen Wirkfaktoren zu den bedeutsamsten Entwicklungsfeldern der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung.
Heute erlebe ich meine Meditationspraxis als Erweiterung dieser Erfahrungen in der Ambulanz. Sie wirkt in mir wie die ständige Quelle einer „aufrechten Haltung“, die getragen wird von Präsenz. Dabei profitiere ich sicher auch von der Ruhe einer fachlichen und menschlichen Kompetenz, die erst durch regelmäßige und jahrelange Praxis entstanden ist. Das gilt sowohl für die psychotherapeutische Praxis als auch für die Meditationspraxis.
In der buddhistischen Psychologie zählt Gleichmut zu den vier himmlischen Geisteszuständen. Sie gehört damit neben Wohlwollen, Mitgefühl und Mitfreude zu den zentralen Grundlagen der Meditationspraxis wie auch der ethischen Lebensführung.
In meiner persönlichen Meditationspraxis erlebe ich, wozu sich Gleichmut eignet. Er hilft mir dabei, eine Haltung der Präsenz zu kultivieren, um dem Andrängen überhöhter Ansprüche weniger Raum zu geben. Zugleich erleichtert er mir, in schwierigen Begegnungen in der Psychotherapie aufmerksam zu bleiben und mich vor übereilten Reaktionen zu bewahren.
Einige meiner bedeutsamsten beruflichen Erfahrungen mit Gleichmut habe ich während meiner 10 Jahre als Leiter der Ambulanz gesammelt. Sie dienen mir in diesem Bericht als Beispiele für die förderlichen Wirkungen, die wir uns durch Gleichmut in der Psychotherapie erhoffen dürfen.
Hier sind fünf dieser Erfahrungen:
Gleichmut wirkt ansteckend
Wenn es mir als Ambulanzleiter gelang, mit Gleichmut auf schwierige Situationen der Ausbildungsteilnehmer*innen mit ihren Patient*innen zu reagieren, gingen diese oft ebenfalls gelassener an ihre Aufgaben heran – sehr zum Nutzen aller Beteiligten. Meine Grundhaltung dabei war, den jungen Kolleg*innen den Rücken freizuhalten, um ihnen ruhiges und konzentriertes Arbeiten mit ihren Patient*innen zu erleichtern.
Dazu benötigte ich selbst hohe Aufmerksamkeit, verbunden mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich dabei auf meine eigene Kompetenz zu verlassen. So ermöglichte Gleichmut bewusste und besonnene Entscheidungen auch in schwer überschaubaren Situationen.
Gleichmut wirkt integrativ
In Auseinandersetzungen zwischen Konfliktparteien in unserem Institut war meine Position von der Gelassenheit getragen, beherzt zu argumentieren, aber mein Herz an keine Überzeugung zu binden. Diese Haltung teilte ich mit den Kolleg*innen des Leitungsteams, mit denen ich die Aufgaben in der Ambulanz wahrnahm.
Wichtige Fragen und strittige Punkte konnten wir so gemeinsam diskutieren, ohne der Gefahr von Richtungskämpfen oder lähmenden Grundsatzdiskussionen zu erliegen.
Dadurch konnte das Ambulanzteam in manchen Situationen zu einer Art institutionellem Bindegewebe werden, wie Jennifer Brandel in ihrem Artikel über eine besondere Form der Zusammenarbeit in Organisationen schreibt.
Somit war es oft möglich, verschiedene Interessen und Motive so miteinander zu verbinden, dass Entscheidungen von allen Beteiligten getragen werden konnten.
Gleichmut ermöglicht Präsenz
Mir hilft Gleichmut dabei, mit meinen Gedanken bewusst beim Anderen zu sein. Ich kann durch diese innere Ruhe besser zuhören, mich in mein Gegenüber hineinversetzen und Sorgen und Befürchtungen als das aufnehmen, was sie sind: Ergebnisse von Vorstellungen, die ihre Kraft aus einer oft tief verankerten Unsicherheit ziehen.
Präsenz wirkt durch die dadurch mögliche Resonanz. Das ist auch ein wichtiges Ziel in der psychotherapeutischen Ausbildung. Diese Resonanz entsteht leichter, wenn Zugewandtheit möglich ist und nicht durch vermeintlichen Handlungsdruck behindert wird. Mit Hilfe des Gleichmuts konnte ich so die Ängste und Sorgen, aber auch die Wünsche und Bedürfnisse unserer Ausbildungsteilnehmer*innen wahrnehmen und darauf eingehen.
Gleichmut stärkt Selbstvertrauen
Innere Sammlung und Besonnenheit lassen sich als Pendants des Gleichmuts betrachten. Das ist ein großer Gewinn für das Handeln aus einer selbstbewussten Haltung. Ich muss nichts durchdrücken, nicht manipulieren, nicht kontrollieren. Stattdessen kann ich darauf setzen, dass mein Gegenüber, ebenso wie ich, verantwortungsvoll handelt.
Dieses Selbstvertrauen wächst oft mit zunehmender Erfahrung. Das hängt jedoch davon ab, ob es uns gelingt, uns mit dem eigenen Anspruch auseinanderzusetzen und diesen als bedeutsamen Einfluss und mögliche Störgröße in der Psychotherapie zu prüfen.
Gleichmut erleichtert es uns, Grenzen anzuerkennen
Die tiefe Motivation, anderen durch unsere Arbeit zu helfen, ist idealerweise mit einem sicheren Gefühl für unsere Grenzen verbunden. Dadurch ist Mitgefühl z.B. gepaart mit Respekt vor den Entscheidungen anderer. Auch die Bereitschaft, scheitern zu können oder sich mit Ergebnissen zufriedenzugeben, die Raum für Entwicklung bieten, gehört dazu. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn nach der Psychotherapie ein unveränderlicher Rest zurückbleibt.
Die Grenzen der psychotherapeutischen Tätigkeit gehören zu den bedeutsamsten und schwierigsten Erfahrungen unserer Arbeit und zu den wichtigsten Lernerfahrungen während und nach unserer Aus- und Weiterbildung.
Gleichmut als Psychotherapeut*in – wo sind die Grenzen?
Niemand wird etwas dagegen einzuwenden haben, wenn Sie sich als Psychotherapeut*in entspannt auch schwierigen Aufgaben zuwenden. Doch hat Gleichmut auch Grenzen?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Vorteile des Gleichmuts dann richtig zur Geltung kommen, wenn er mit Zugewandtheit gepaart wird. Das gelingt zum Beispiel in Form von Freundlichkeit und Wohlwollen, die mit spürbarer Intentionalität einhergehen und so die Ausrichtung unseres persönlichen und beruflichen Engagements bestimmen.
Sonst besteht die Gefahr, dass aus Entspanntheit Gleichgültigkeit oder mangelnder Einsatz wird, wenn es einmal darum geht, sich wirklich „ins Zeug zu werfen“ und für die Interessen Ihrer Patient*innen einzusetzen.
Umgekehrt trägt Gleichmut dazu bei, dass Wohlwollen und Mitgefühl das nötige Gegengewicht erhalten, wenn es notwendig ist, den Abstand zu wahren und eigene Motive kritisch zu prüfen.
Welche Erfahrungen machen Sie mit Gleichmut in Ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit? Was sind die Quellen Ihres Gleichmuts, und worin drückt er sich für Sie am deutlichsten aus? Ich bin neugierig auf Ihr Feedback und lese und beantworte jede Zuschrift aufmerksam.

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