Achtsamkeit ist eine Lebenspraxis. Wenn wir Achtsamkeitsmeditation üben, erlernen wir damit grundlegende Fähigkeiten, die uns in unserem Leben helfen:
- Wir lernen, unsere Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu halten, damit wir ganz präsent sein können und unser Leben mit allen Sinnen bewusst wahrnehmen
- Wir üben uns darin, leidvolle Erfahrungen als solche anzuerkennen und mit ihnen umzugehen, ohne sie vermeiden oder umgehend beseitigen zu müssen
- Unsere Achtsamkeit bildet die Grundlage für ein bewusstes Leben in Verbundenheit mit allen fühlenden Wesen und in innerer Verbundenheit mit unseren Herzensanliegen und Werten
Ich möchte Ihnen heute eine Form der Achtsamkeitspraxis vorstellen, die „der Weg des Glücks“ heißt. Diese Bezeichnung stammt von Thich Nhat Hanh, einem der bekanntesten Zenmeister und Förderer von Achtsamkeit in der westlichen Welt.
Thich Nhat Hanh beschreibt mit seinen fünf Achtsamkeitsübungen, wie es möglich ist, glücklich zu werden, ohne sich ins Private zurückzuziehen und nur noch auf sich zu schauen.
Doch bevor wir zu diesen fünf Übungen kommen, ist es hilfreich, etwas zu klären.
Was ist überhaupt Glück?
Da es keine allgemeingültige Definition von Glück gibt, können wir hier vielleicht mit folgendem Verständnis von Glück arbeiten:
Glück bedeutet, ein Leben zu führen, das vieles von dem enthält, was mir am Herzen liegt.
Glück ist ein großes Wort. Vielleicht klingt es für Sie ungewöhnlich, bei einigen Ihrer alltäglichen Belange an Glück zu denken. Gewohnter wird der Gedanke, wenn ein Freund Sie bei einem Wiedersehen nach langer Zeit fragt: „Und? Bist du glücklich in deinem Beruf?“ Oder wenn Sie jemanden sagen hören „Das finde ich jetzt nicht so glücklich.“
Je nachdem, wie wir das Wort verwenden, erhält es ein anderes Gewicht und wird einmal ganz selbstverständlich klingen, und ein anderes Mal eine Schwelle entstehen lassen, über die Sie stolpern können. Dann ist es hilfreich, sich intensiver mit diesem Gedanken zu befassen.
Auf Ihre berufliche Situation angewandt, könnten Sie sich zum Beispiel bewusst machen, wo Ihre Entscheidungen persönlichen Werten folgen und eigenen, ethischen Prinzipien gerecht werden, die eine Herzensangelegenheit für Sie sind. Das wäre dann die Voraussetzung für ein glückliches Berufsleben im Sinne dieser Achtsamkeitsübungen.
Achtsamkeit und persönliches Glück im Angesicht leidvoller Erfahrungen?
Viele Menschen betrachten Achtsamkeit heute als etwas, das primär dem individuellen Wohlbefinden dient. Sie sehen darin ein Entspannungsverfahren, das uns ermöglicht, Belastungen zu bewältigen, die wir als Folge einer Arbeitswelt und eines Lebens betrachten, auf die wir nur wenig Einfluss haben.
Dazu gibt es auch kritische Äußerungen. Skeptiker sprechen z.B. von McMindfulness und meinen damit, dass Achtsamkeit als neue Religion des Kapitalismus dient, um eine ungerechte Wirtschaftsordnung aufrechtzuerhalten.
Diese Kritik betrifft vor allem solche Achtsamkeitstechniken, die darauf abzielen, persönliches Glück und Lebensfreude zu entwickeln. Es scheint, als wäre es in besonderer Weise problematisch, in einer Welt voller Leid darüber zu meditieren, was Glück und Freude für uns selbst bedeuten.
Wenn wir unter einer so großen Spanne zwischen Arm und Reich, zwischen Frei und Unfrei leiden, müssen wir dann nicht zunächst an die Anderen denken, denen es schlechter geht als uns?
In unserer Arbeit mit Patient*innen gilt das in besonderem Maße. Ohne dass es uns bewusst ist, kann sich ein schlechtes Gefühl einschleichen, wenn es uns gut geht, während wir den ganzen Tag über mit Patient:innen arbeiten, die uns von ihren leidvollen Erfahrungen berichten.
Buddhistische Wurzeln und die Ethik der Achtsamkeit
Doch Achtsamkeit in Bereichen des individuellen Wohlbefindens war nicht immer so getrennt vom Gemeinwohl. In den buddhistischen Traditionen sind ethische Prinzipien und persönliches Wohlbefinden eng miteinander verflochten. In dieser alten Verbindung bedeutet Glück sehr viel mehr, als wir meinen, wenn wir es als unser eigenes, privates Glück betrachten.
Glück und Freude müssen nicht auf Kosten anderer gehen und das Glück anderer nicht unberücksichtigt lassen. Sie können Teil einer Achtsamkeitspraxis sein, die einer solidarischen Lebensführung dient und damit für mehr Verbundenheit und Gerechtigkeit bei der Verteilung unseres Wohlstands sorgt.
Der verstorbene buddhistische Gelehrte Ajahn Buddhadhasa ging davon aus, dass ethisches Handeln die Grundlage für alle anderen Bereiche bewusster Lebensführung bildet.
Der buddhistische Mönch Bhikkhu Analayo schreibt, dass Freude und Glück wichtige Voraussetzungen dafür sind, dass wir wirkliche Freiheit entwickeln und spüren können. In buddhistischen Lehrtexten wird dieser Zusammenhang mit dem Bild des natürlichen Verlaufs des Regens beschrieben, das er in seinem Buch über das Satipaṭṭhāna Sutta wie folgt schildert:
„Der Regen fällt auf den Gipfel eines Hügels, füllt nach und nach die Bäche und Flüsse und fließt schließlich ins Meer.
In gleicher Weise bedingen Freude und Glück die persönliche Entwicklung. Sind Freude und Glück erst einmal entstanden, so wird ihr Vorhandensein ganz natürlich zu Konzentration und Befreiung führen.“
Das hatte wohl Thich Nhat Hanh im Sinn, als er die fünf Achtsamkeitsübungen in seinem Buch „The Art of Living“ beschrieb.
Der Weg des Glücks – fünf Achtsamkeitsübungen für ein ethisch bewusstes Leben
Diese Übungen sind an keine bestimmte Religion oder Tradition gebunden. Es gibt sie in allen Weisheitstraditionen auf die eine oder andere Weise. Man nennt sie oft Gebote oder Gelübde.
Das soll helfen, sie tief in unsere Gewohnheiten zu verankern, damit sie uns nicht verloren gehen, wenn der Alltag mit seinen Aufgaben unsere Aufmerksamkeit beansprucht. Wir wiederholen sie vielleicht wie ein Mantra, schreiben sie auf, erinnern uns immer wieder an sie, damit wir sie nicht aus dem Gedächtnis verlieren.
Letztlich sorgt diese Bezeichnung als Gebot oder Gelübde jedoch bei vielen Menschen dafür, dass sie mit Skepsis reagieren. Es klingt, als müssten wir uns einer Autorität unterwerfen, die Regeln aufstellt, an die wir uns halten sollen. So hat es zum Beispiel die christliche Erziehung während meiner Kindheit bewirkt, dass ich gegenüber Gelübden lange Zeit kritisch eingestellt war.
Dabei soll es um Glück oder um Freude gehen? Das lässt sich in unserer Vorstellung oft nur schwer vereinen.
Übung wirkt dagegen offener. Wir versuchen uns jeden Tag aufs Neue, damit zu befassen. Das wirkt mehr wie ein persönliches Anliegen, dem wir unsere ganz Liebe und Aufmerksamkeit widmen, um damit nach unseren Werten zu leben.
Deshalb klingen auch die Formulierungen, die Thich Nhat Hanh gewählt hat, und die jeweils eine solche Übung beschreiben, eher wie ein Zuspruch oder ein Wunsch, durch den ich mir etwas besonders Wichtiges besser merken kann.
So beschreiben die fünf Achtsamkeitsübungen der Reihe nach wichtige Lebensbereiche, in denen unsere bewusste Aufmerksamkeit auf unser Fühlen und Handeln besonders hilfreich und notwendig ist.
Die fünf Bereiche dieser Übungen sind:
• Achtung vor dem Leben
• Großzügigkeit
• Wahre Liebe
• Achtsames Sprechen und tiefes Zuhören
• Nahrung und Heilung
Was wir uns von Gelübden oder Vorsätzen abschauen können, ist, wie wichtig Formulierungen sind, damit sie für uns persönlich besonders wirkungsvoll werden und uns dazu anregen, uns immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen.
Ich will das anhand eines Beispiels erläutern, und zwar mit Hilfe eines kurzen Merksatzes, den Adriaan van Wagensveld, ein erfahrener Vipassana-Meditationslehrer, heute in meiner Morgenmeditation verwendet hat. Adriaan war fünf Jahre lang als Mönch in der Gemeinschaft von Thich Nhat Hanh. und hat seine Meditation nach diesen fünf Achtsamkeitsübungen gestaltet.
Hier meine Formulierung in Anlehnung an seine Worte aus der Meditation:
„Im Bewusstsein des Leidens, das durch Gewalt entsteht, entdecke ich Wege, um mit weniger Gewalt durchs Leben zu gehen.
So kann ich Mitgefühl und Einsicht in die Verbundenheit entwickeln und herausfinden, wie ich das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen und unserer Erde schützen kann.“
Wie sollte diese Übung besser gelingen, als wenn wir uns der Schönheit und Vielfalt all dessen bewusst werden, woran wir Freude haben?
Mir fielen sofort meine ausgedehnten Waldspaziergänge ein, dann der Nutzen bewaldeter Flächen für unseren Sauerstoff, die Feuchtigkeits- und Temperaturregulierung. Ich laufe leidenschaftlich gerne über waldige Trails und fühle mich auch bei hohen Temperaturen im Wald wohler als auf asphaltierten Flächen in der Stadt.
Ethische Lebensführung gelingt leichter, wenn wir uns der Gefühle bewusst werden, die in uns eine Stimmung der Freude und des Glücks hervorrufen. Wir können sie auch mit anderen teilen und uns darüber austauschen. Freude wirkt ansteckend, sagt man.
Jack Kornfield ist ein bekannter amerikanischer Meditationslehrer, der in den 1970er Jahren begonnen hat, alte buddhistische Traditionen für westliche Ohren zu übersetzen und auf unsere Lebensrealität hin auszulegen. Er zitiert einen Schriftsteller, der auf die Frage, was die stärkste Kraft in uns wecken hilft, um ein gutes Leben zu führen, antwortete:
„Handeln Sie niemals aus der Angst heraus, und sei das, was Sie anstreben, noch so wertvoll. Wie kann es Ihnen gelingen, dabei die Freude zu entwickeln, die Sie ausreichend darin bestärkt, was Sie tun, weil Sie es tun?“
Die erste der fünf Übungen heißt nicht ohne Grund „Ehrfurcht vor dem Leben“. Wenn es uns gelingt, aus Freude heraus zu handeln, dann kommt darin etwas von dem Staunen zum Ausdruck, das wir empfinden können, wenn wir uns der Schönheit dessen bewusst werden, was wir vor Gewalt schützen wollen.
Ich habe für alle vier Bereiche eine ähnliche Formulierung wie am Beispiel der Ehrfurcht vor dem Leben gewählt. Sie soll in Kurzform ausdrücken, was das zentrale Anliegen dieser fünf Achtsamkeitsübungen ist.
Wenn Sie möchten, schließen Sie nach dem ersten Lesen jeder dieser Achtsamkeitsübungen für einen Moment die Augen und versuchen Sie, in sich hineinzuhorchen.
- Gibt es etwas, das Ihnen dazu spontan einfällt?
- Fühlen Sie sich von einem der Bereiche besonders angezogen?
- Könnten eine oder mehrere dieser Übungen die Grundlage für einen ruhigen Geist bilden, der von Glück und Freude erfüllt ist?
Der Vollständigkeit halber wiederhole ich den ersten Satz hier noch einmal, damit alle fünf Übungen zusammenkommen:
Achtung vor dem Leben.
Im Bewusstsein des Leidens, das durch Gewalt entsteht, entdecke ich Wege, um mit weniger Gewalt durchs Leben zu gehen.
So kann ich Mitgefühl und Einsicht in die Verbundenheit entwickeln und herausfinden, wie ich das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen und unserer Erde schützen kann.
Wahres Glück.
Im Bewusstsein des Leidens, das durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung entstehe, suche ich Wege, um Großzügigkeit zu praktizieren. Indem ich mich in tiefem Schauen übe, kann ich erkennen, dass das Glück und das Leiden anderer nicht getrennt sind von meinem Glück und meinem Leiden, dass wahres Glück durch Verständnis und Mitgefühl entsteht.
Wahre Liebe.
Im Bewusstsein des Leidens, das durch sexuelles Fehlverhalten entsteht, suche ich Wege, um Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Ich will Wege finden, um die grundlegenden Elemente wahrer Liebe – liebevolle Güte, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit – zu entwickeln, sodass mein eigenes Glück und das Glück von anderen wachsen können.
Liebevolles Sprechen und tiefes Zuhören.
Im Bewusstsein des Leidens, das durch unachtsame Rede und durch die Unfähigkeit entsteht, anderen zuzuhören, finde ich Wege, um liebevolles Sprechen und mitfühlendes Zuhören zu üben.
Im Wissen, dass Worte sowohl Glück als auch Leiden hervorrufen können, lerne ich, wahrhaftig zu sprechen und Worte zu gebrauchen, die Vertrauen, Freude und Hoffnung wecken.
Konsum und Heilen.
Im Bewusstsein des Leidens, das durch die Flucht in Vorstellungswelten entsteht, finde ich Wege, um in dieser Wirklichkeit zuhause zu sein, statt sie mit meinen Vorstellungen zu ersetzen.
Das klingt nach einem vollen Programm. Das ist es auch. Einzelne Übungen finde ich leichter zugänglich als andere, für die ich einige Zeit benötigt habe, um die richtigen Zusammenhänge für mich zu erkennen.
Darum finde ich auch den Ausdruck passend, den ich zu Anfang verwendet habe, dass Achtsamkeit eine Lebenspraxis ist. Wir nehmen uns dafür ein Leben lang Zeit, damit wir nicht unter dem ethischen Anspruch in die Knie gehen, sondern das Leben feiern und Freude darüber verspüren können.
Wir können in dieser Welt nicht leben, ohne Gefahr zu laufen, anderen zu schaden. Alles ist mit allem verbunden. Aber wir können unser Bestes tun, um unserer Absicht Ausdruck zu verleihen und unser eigenes Glück sowie das Glück der anderen zu vermehren.
Mit Hilfe einer eigenen Achtsamkeitspraxis fällt es leichter, genau wahrzunehmen, was im Hier und Jetzt geschieht. Dadurch können wir lernen, auf Momente zu achten, die uns lächeln lassen.
Manchmal nehme ich sogar die subtile Freude wahr, die allein dadurch entsteht, dass ich meine Präsenz spüre. Als mir das erste Mal während einer Achtsamkeitsmeditation voll bewusst wurde, wie ich im gegenwärtigen Moment alles, was gerade passierte, mit einer solchen Präsenz spürte, empfand ich das als einen besonderen Moment, der mir oft noch heute in Zusammenhang mit meiner morgendlichen Meditationsstunde einfällt.
Ethisches Handeln und Achtsamkeit
Wenn Sie Gefallen an diesen Achtsamkeitsübungen finden, möchten Sie vielleicht ausprobieren, wie sich eigene Sätze, die Sie für diesen Zweck formulieren, anfühlen, und sich dafür ebenfalls die nötige Zeit nehmen, bis es für Sie passt.
Um sich dazu Anregungen zu holen, kann ich Ihnen das Buch von Thich Nhat Hanh empfehlen, aus dem diese Übungen stammen. Es befasst sich noch mit einigen anderen Grundlagen achtsamen Lebens, die für diese Übungen hilfreich sind, und heißt in der deutschen Übersetzung „Leben ist, was jetzt passiert“.
Und jetzt: in die Praxis.
Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

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