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Leider hat sich der Fehlerteufel in meine letzte Newsletter-Ausgabe eingeschlichen, und zwar besonders bedauerlich in Form einer nicht funktionierenden Anmeldeseite für mein neues Newsletter-Archiv.
Anlässlich der 50. Ausgabe meines Newsletters arbeite ich an einer neuen Version meines Archivs, das meine Berichte thematisch sortiert und leichter nach Stichwörtern durchsuchbar machen wird.
Alle Beiträge werden in einer redigierten Version mit zusätzlichen Quellenangaben und aktualisierten Hinweisen vorliegen. Dieses „Wiki“ zur Achtsamkeitspraxis als Psychotherapeut*in ist Teil meines Lernportals „Praxis der Präsenz“, zu dem die Teilnehmer*innen meiner Kurse automatisch Zugang erhalten.
Wenn Sie auch ohne Kursteilnahme Interesse haben, können Sie sich hier anmelden – nun über einen funktionierenden Link.
Ein Anwendungsfeld meiner Achtsamkeitspraxis begleitet mich seit 25 Jahren: Ich laufe. Gerne lang. Am liebsten in den Bergen. Aber auch in meiner Mittagspause. Das Laufen bietet einen willkommenen Ausgleich zu meiner sitzenden Tätigkeit als Psychoanalytiker und Psychotherapeut.
Wenn ich laufe, laufe ich sowohl meinen Körper als auch meinen Kopf frei. Oft erlebe ich dann Laufen und Meditation als eins. Das klappt nicht immer, aber dazu dient es. Darin liegt die Verbindung zur Meditation, die ich fast täglich praktiziere, zur Achtsamkeitsmeditation in der Vipassana-Tradition.
Ich beschäftige mich schon sehr lange mit der Verbindung zwischen Meditation und Laufen.
Zen des Laufens
Mein alter Freund und Laufgefährte Bernhard schenkte mir das Buch „Zen des Laufens“ des amerikanischen Autors Fred Rohé, nachdem wir 2002 zusammen den Köln-Marathon bewältigt hatten.
In dem 1974 erschienen Buch beschreibt der bärtige Hippie Fred, der 1965 den ersten New-Age-Bioladen in San Francisco eröffnete, sein meditatives Laufen an der Pazifikküste San Franciscos.
Was mich an diesem Buch besonders berührt, ist die Beschreibung der ursprünglichen Verbundenheit mit dem Laufen-an-sich, die Körper und Geist gleichermaßen beteiligt, aber auch die Umgebung einschließt.
Es scheint in der Trailrunner-Szene weiter verbreitet zu sein als unter Straßenläufer*innen. Das Laufen in der Natur, auf schmalen Pfaden, am Meer oder durch die Berge, durch Wälder und Felder sensibilisiert in besonderer Weise die Aufmerksamkeit aufgrund der anspruchsvolleren Koordination, der wechselnden Untergründe und der Umgebungsbedingungen.
Ultra-Trail du Mont-Blanc
Es gibt einen aktuellen Anlass, weswegen ich heute über Laufen und Meditation schreibe:
Wenn Sie diese Ausgabe meines Newsletters am Samstagmorgen lesen, wird sich zur gleichen Zeit ein langer Tross von Läufer*innen über eine ca. 170km lange Strecke um das riesige Bergmassiv des Mont Blanc in den Westalpen bewegen. Der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) gilt für viele als die inoffizielle Weltmeisterschaft im Trailrunnung.
Die Läufer*innen werden mit Erscheinen meines Berichts um 7 Uhr bereits die ganze Nacht durch das Bergmassiv gelaufen sein, denn der Lauf beginnt am Freitagabend kurz vor Einbruch der Dunkelheit.
Die Schnellsten unter ihnen befinden sich dann im Aufstieg zum 2.500 m hohen Col de la Seigne. Insgesamt werden alle Läufer*innen, die die Ziellinie in Chamonix erreichen, während dieses Laufs zudem fast 10.000 Höhenmeter im Anstieg bewältigt haben.
Ruth Croft, die Gewinnerin des UTMB 2025, eine 37 Jahre alte Läuferin aus Neuseeland, galt schon seit ihrem Gewinn 2025 als eine der Favorit:innen für den diesjährigen Lauf.
Sie liebt die Einsamkeit der Berge, das Zusammensein mit Familie und Freund:innen, zieht sich jedoch regelmäßig auf die Trails ihrer Heimat oder der französischen Berge um Annecy zurück, wo sie die meiste Zeit des Jahres lebt, und ist dann stundenlang unterwegs. Eine Ultraläuferin.
Croft gilt als Sportlerin, die sich über mehrere Jahre und mehrere Zyklen strategischer Trainingsplanung hinweg sehr fokussiert auf ihre Wettkämpfe vorbereitet. Ihr amerikanischer Trainer, Scott Johnston, begleitet sie online. Beide werten ihre Daten regelmäßig aus, die durch ihre Laufuhr gesammelt werden, während sie in den Bergen unterwegs ist.
Das dient der Trainingssteuerung. Im Mittelpunkt steht dabei das Tagebuch ihrer subjektiven Wahrnehmung. Ihre Einträge sind individuell und persönlich, aber auch als standardisierbare Werte abrufbar, die sich im Profisport heute als „Rate of Perceived Exertion“ (RPE) oder „Subjective Feeling“ in die Planung der Trainingsbelastung integrieren lassen.
Und Ruth Croft praktiziert Vipassana-Meditation.
Sie bezeichnet Vipassana neben dem Langstreckenlauf in den Bergen als ihr zweites Standbein, und sagt dazu:
Was mich Vipassana lehrt, ist im Grunde einfach. Es schult meine Körperwahrnehmung. Ich achte auf meine Empfindung, ohne direkt auf sie reagieren zu müssen. Ich lenke meine Aufmerksamkeit darauf, ohne daran festzuhalten, aber auch, ohne es loswerden zu wollen.
Ich lerne, dass sie ebenso schnell wieder abklingen kann, wie sie gekommen ist. Das hat mir womöglich am allermeisten im Ultralaufen geholfen.
Als ich in der vergangenen Woche von ihrer Vipassana-Praxis las, erschien mir sehr schlüssig, warum sie als eine der erfolgreichsten Langstreckenläufer*innen der Welt ihr umfangreiches Training vor allem über ihr subjektives Empfinden steuern kann.
Für Hobbyläufer*innen mag das banal klingen. Auch wenn ich mich selbst und viele Läufer*innen auf der Wuppertaler Nordbahntrasse oder auf den Trails im Bergischen Land mit professioneller Laufuhr am Handgelenk laufen sehe: Wer als Freizeitsportler*in aktiv ist, benötigt meist keine ausgefeilte Trainingsplanung oder -methodik.
Das ändert sich jedoch, sobald man in den Bereich des Profisports vordringt oder auch mit dem Erreichen einer höheren Altersklasse neben der Freude am Laufen auch noch höhere Leistungsstufen oder Kilometerumfänge anstrebt oder einfach länger gesund und fit bleiben möchte.
Dann gilt die Leistungsmessung per Laufuhr, die Herzfrequenzmessung als Belastungsparameter oder die Herzfrequenzvariabilität (HRV) als Ermüdungsindikator auch schon im Hobbysport als hilfreiche, wenn nicht sogar notwendige Kontrolle.
Neben der Trainingsmethodik spielt die genaue Beobachtung des Körpergefühls aber auch im Wettkampf selbst eine große Rolle und entscheidet oft darüber, ob ein Ultralauf zur unerträglichen Quälerei wird oder zu einem unvergesslichen, wenn auch sehr anstrengenden Erlebnis.
Rachel Spalding, eine amerikanische Läuferin und Teilnehmerin am UTMB, beschreibt es in einem Interview so:
„Ich bin gespannt, wie sich mein Körper anfühlt, wenn ich die ganze Nacht lang laufe. Ich bin gespannt, wie es sich anfühlt, wenn ich länger als 24 Stunden laufe. Wenn ich mehr als 100 Meilen zurücklege.“
Das bedeutet aber nicht nur, die eigenen Grenzen zu erweitern, sondern auch, innere Signale zu kennen und Grenzen zu akzeptieren, wenn Warnzeichen darauf hinweisen.
Die Voraussetzung dafür ist, auch in Phasen der Extrembelastung ganz bei sich sein zu können, sowohl körperlich als auch geistig. Physische und mentale Erschöpfung sind dabei gleichermaßen wichtige Faktoren, die über Erfolg und Gesundheit entscheiden.
Darum war ich am Mittwoch zwar überrascht, aber nicht verwundert, als ich die folgende Mitteilung von Ruth Croft las (eigene Übersetzung):
„Obwohl ich das Gefühl habe, dass meine Fitness dank der Unterstützung durch das beste Team aller Zeiten noch nie so gut war, sehnen sich mein Herz und mein Verstand heute nach etwas anderem.
Der weise Paul Lind sagte mir einmal, dass man auf 100 Meilen nur eine begrenzte Anzahl von Malen an den Brunnen gehen kann. Diese Anzahl ist begrenzt, und ich möchte jedes einzelne Mal sinnvoll nutzen.
Daher fiel mir die Entscheidung zwar sehr schwer, war aber dennoch naheliegend. Ich werde am Freitag nicht an der Startlinie stehen.“
In dieser Entscheidung zeigt sich die ganze Erfahrung einer erfahrenen Ultraläuferin und der Meditierenden.
Zu ihrer Selbsteinschätzung trägt neben der sportlichen Expertise auch die langjährige Meditationserfahrung in der Vipassana-Tradition bei. In ihrer Entscheidung verbinden sich Laufen und Meditation.
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers
Ruth Croft ist auch als Meditierende die Langstrecke gewohnt.
Einen Monat im Jahr verbringt sie in einem Retreat in Indien. Sie meditiert dort in Stille und zugleich in Verbundenheit.
Der Rückzug bedeutet nicht soziale Isolation. Er findet in der Präsenz der Retreat-Gemeinschaft im Schweigen statt. Die Gemeinschaft, die sie während der Trainingszeiten begleitet – mit Trainer, Partner und Team –, wird in dieser Zeit durch die Retreat-Community ersetzt.
Wenn ich Ruth Croft von ihren Retreat, aber auch ihrer täglichen Meditationspraxis sprechen höre, davon, was sie erlebt und welchen Stellenwert diese Form der Meditation für sie hat, erinnert mich das auch an die Erzählung des britischen Autors Allan Sillitoe, der 1959 „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ veröffentlichte.
In dieser Erzählung geht es um die Vorbereitungen eines jungen Häftlings namens Colin auf ein Wettrennen, für dessen Sieg der Gefängnisdirektor ihm die vorzeitige Haftentlassung in Aussicht gestellt hat.
Während seiner Vorbereitung auf den Wettkampf findet eine Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte statt, welche immer wieder von Konfrontationen mit Autoritäten gekennzeichnet war. Letztlich läuft der Protagonist im Rennen zu seinem persönlichen Sieg über die Abhängigkeit von Autoritäten, indem er seinen Konkurrenten kurz vor der Ziellinie gewinnen lässt und damit seine innere Freiheit von der Verführung durch den Gefängnisdirektor zum Ausdruck bringt.
Damit weicht der harte Konkurrenzkampf, der ihm auferlegt wurde, dem sportlich-freundlichen Umgang mit dem Läufer, gegen den er antreten sollte. Seine sportliche Leistung wird nur noch von seiner Kameradschaft übertroffen, mit der er die Solidarität mit seinen Mitgefangenen zum Ausdruck bringt, die nicht – wie er – in den Genuss besonderer Vergünstigungen kamen.
Er trifft eine einsame Entscheidung, die nur er selbst treffen kann, auch wenn er mit dieser Entscheidung für die innere Freiheit von Verlockung und Unterwerfung die äußere Gefangenschaft und das verlorene Rennen riskiert.
Laufen und Meditation: Langstreckenlauf als Haltung
Ich erkenne in der Geschichte des Langstreckenläufers aus der Erzählung Parallelen zur eigenen Praxis, aber auch zur Entwicklung einiger Patient*innen, die ich in zum Teil jahrelangen analytischen Psychotherapien begleiten konnte.
Wenn ich die aktuellen Ereignisse rund um die Teilnahme von Ruth Croft am UTMB reflektiere, komme ich zu dem Schluss, dass Langstreckenlauf eine Haltung und keine Distanz bezeichnet.
Ultra isn’t a distance. It’s a mindset.
Werbespruch eines Sponsors des UTMB
Für Hobbyläufer*innen wie mich ist die Distanz von 170 km – ganz zu schweigen von noch längeren Entfernungen, die Menschen laufend zurücklegen können – meist unerreichbar.
Im läuferischen Alltag wie in der meditativen Praxis zählt jedoch der gegenwärtige Moment. Das Befreiende daran ist, dass es den Gewinn des Laufens vom Erreichen eines Ziels unabhängig macht und die Distanz an sich bedeutungslos werden lässt.
Durch die Vipassanapraxis können wir zu der Einsicht gelangen, dass jedes Festhalten von Angenehmem oder Fernhalten von Unangenehmem (wie den Schmerzen in den Beinen beim Laufen, die Erschöpfung unserer Kraft, den Renn-Plan für den Wettkampf, auf den wir trainiert haben oder dem Lebensereignis, auf das wir hinfiebern) letztlich zusätzliches Leiden hervorruft, nämlich den Teil, der durch unseren Umgang mit unvermeidlichen, leidvollen Erfahrungen entsteht:
- Wenn wir uns gegen etwas davon anstemmen, leiden wir doppelt.
- Wenn wir unsere Freiheit von der Entscheidung oder der Anerkennung anderer abhängig machen, haben wir unsere innere Freiheit eingebüßt.
Sobald wir den gegenwärtigen Moment als den einzigen Ausschnitt der Zeit anerkennen, über den wir wirklich verfügen, wird jede Planung und jeder Verlust relativ – zwar motivierend oder schmerzhaft, aber relativ.
Entdecken wir in der Langstrecke – ob im Ultralauf, der regelmäßigen Meditationspraxis, der Langzeitpsychotherapie oder in welcher Langstrecke auch immer – das meditative Moment der Erfahrung im Hier und Jetzt, praktizieren wir damit etwas, das die Grundlage nachhaltiger innerer Veränderung bilden kann.
Wir erforschen unsere Beziehung zu der Erfahrung, die im gegenwärtigen Moment stattfindet. Damit entwickeln wir ein stärkeres Bewusstsein und vergrößeren unseren Grad des Wachseins im Leben. Das ist ein Ausdruck unserer inneren Freiheit. Sie lässt uns nicht nur die eigenen Grenzen ausloten, sondern auch anerkennen und akzeptieren.
Wenn Ruth Croft so kurz vor dem Start des Rennens erkennt, dass Herz und Verstand gegen ihre Teilnahme sprechen, auch wenn ihr Körper in Höchstform ist, oder Colin, der Protagonist in der Erzählung, auf seinen Rennsieg verzichtet, betrachte ich beides als Ausdruck einer solchen Entwicklung, die letztlich auf inneres Wachstum hindeutet und auf Befreiung ausgerichtet ist.
Und jetzt: In die Praxis.
Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

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