Newsletter #47 vom 04.07.2026
Desillusionierung bewältigen mit Winnicotts Entwicklungskonzept
- Wie kann es gelingen, den Herausforderungen des „In-der-Welt-seins“ gewachsen zu sein, ohne sich dabei starrer psychischer Strukturen bedienen zu müssen?
- Wie können wir Patient*innen dabei unterstützen, psychische Flexibilität zu entwickeln, wenn sie sich bisher durch ihr erstarrtes Selbstbild schützen mussten und dadurch immer mehr um sich selbst zu kreisen begannen?
- Welchen Herausforderungen begegnen diese Patient*innen, und welche Alternative kann dabei zu einem Zuwachs an Verlässlichkeit in der realistischen Selbstwahrnehmung beitragen?
Veränderte Selbstwahrnehmung
Eine veränderte Selbstwahrnehmung kann sowohl als Hinweis auf einen förderlichen, tiefgreifenden Transformationsprozess dienen, als auch ein Phänomen darstellen, das wir von Menschen mit Depressionen, Angststörungen, auch mit traumatisierenden Erfahrungen in der Biografie berichtet bekommen, wenn Sie zu uns in Psychotherapie kommen.
Wir diagnostizieren dieses Phänomen in der Psychiatrie bei entsprechender Ausprägung als Depersonalisation/Derealisation (DPDR) im Rahmen einer psychischen Störung. Wir können uns den Schilderungen unserer Patient*innen jedoch auch phänomenologisch nähern und beschreiben dann ein Fremdheitsempfinden gegenüber den eigenen Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen.
Dabei reicht deren Erleben der Fremdheit je nach Ausprägung von einfachen Beschreibungen wie „Meine Gefühle kommen mir unvertraut vor.“ über „Meine Gedanken wirken, als wenn sie ein Eigenleben führen.“ bis zu weitreichenderen, komplexen Eindrücken mit situativem Bezug oder unabhängig von den Lebensumständen.
Die veränderte Selbstwahrnehmung wird je nach Ausprägung und Kontext als beunruhigend bis beängstigend erlebt und entsprechend besorgt verarbeitet.
Menschen mit Meditationserfahrung berichten mitunter über ähnliche Wahrnehmungsphänomene, sie bewerten diese jedoch oft anders.
Darauf verweist eine aktuelle Studie der Universität Tübingen, die im Mai in den „Scientific Reports“ der Zeitschrift „nature“ veröffentlicht wurde.
Die Studie bestand in einem statistisch ausgewerteten Vergleich einer Gruppe von Meditierenden, die über ähnliche Veränderungen der Selbstwahrnehmung berichteten wie eine weitere Gruppe, die über keinerlei Meditationserfahrung verfügte.
Ich zitiere aus den Schlussfolgerungen in der Auswertung:
„DPDR-ähnliche Erfahrungen können in einer Vielzahl von Kontexten auftreten, von Meditation über Traumata und Stress bis hin zum Drogenkonsum, und obwohl ihre Kernphänomenologie konsistent zu sein scheint, unterscheiden sich der emotionale Ton und die Bedeutung. Wenn sie durch nicht-kontemplative Kontexte ausgelöst werden, sind diese Erfahrungen in der Regel verwirrend und beunruhigend. Im Gegensatz dazu werden sie, wenn sie durch Meditation entstehen, oft als positiv und spirituell bedeutsam angesehen, obwohl sie auch zutiefst beunruhigend sein können. Ein tieferes Bewusstsein und Verständnis für diese Nuancen ist erforderlich, und kontemplative Ansätze können wertvolle Hilfsmittel bieten, um Menschen zu unterstützen, die in unterschiedlichen Kontexten mit ähnlichen Erfahrungen zu kämpfen haben.
Wenn Sie ein kurzes Interview des rbb in der Sendereihe „Die Profis“ mit der Erstautorin der Studie, Erola Pons, hören möchten, können Sie das hier tun:
Wenn meine Patient*innen über eine veränderte Selbstwahrnehmung berichten, wirkt gerade das Fremdheitsgefühl bei denjenigen, die sich in besonderer Weise auf ein stabiles Selbstgefühl angewiesen fühlen, meiner Erfahrung nach besonders beunruhigend.
Das erscheint zunächst einmal sehr verständlich und nachvollziehbar. Es bezieht sich jedoch auf ein Problem, das grundsätzlicher Natur ist.
Diese will ich im Folgenden kurz skizzieren.
In vergangenen Ausgaben meines Newsletters hatte ich verschiedentlich beschrieben, dass die Vorstellung eines unveränderlichen und separaten Selbst eine ganze Reihe von Schwierigkeiten mit sich bringt. Veränderungen sind da „nicht vorgesehen“:
- Die Illusion der Unveränderlichkeit angesichts der Vergänglichkeit aufrechtzuerhalten, bedarf hoher seelischer Anstrengungen mit fragwürdigem Erfolg.
- Beeinträchtigungen des Selbstbildes, die der Natur des Selbst entsprechend wiederholt zu erwarten sind, erschüttern das Selbstgefühl und das, was wir Selbstsicherheit nennen.
- Notwendige Veränderungen im Selbstbild, wie sie zum Beispiel bei narzisstischen Störungen erforderlich sein können, stoßen damit schnell an schwer zu überwindende Grenzen.
- Wollen Patient*innen trotz offenkundiger Nachteile an ihrer illusionären Vorstellung festhalten, weil sie sich darauf angewiesen fühlen, kreisen sie mit ihren Bemühungen zunehmend um sich selbst. Das öffnet psychischen Erkrankungen, vor allem der Depression, die Tür zu unserer Seele, und zwar sperrangelweit – oder es ist bereits ein Ausdruck derselben.
In meinem Beitrag zum Narzissmus des Psychotherapeuten erwähnte ich dazu bereits, welche Rolle die um unser Selbst kreisenden Vorstellungen, Gefühle und Bemühungen sowohl in unserer Entwicklung als auch in der psychotherapeutischen Bewältigung leidvoller Erfahrungen spielen.
Dabei erwähnte ich die sinnstiftende Bedeutung der Vorstellungen, die wir von uns selbst entwickeln, aber auch deren Nachteile, sobald diese Vorstellungen mehr und mehr zum Selbstzweck werden und dadurch erstarren. Selbstzweck heißt in diesem Zusammenhang, dass sie der Stabilisierung des Selbst dienen müssen.
Letzteres spielt vor allem dann eine Rolle, wenn Beeinträchtigungen der psychischen Entwicklung zu Angst, Gefühlen innerer Leere und zu Zweifeln führen. Alle Versuche, solche Verunsicherungen durch verstärkte Bemühungen um Selbstsicherheit, Selbstwertgefühl oder Selbstwirksamkeit zu beseitigen, bergen die Gefahr, das Problem noch zu verstärken.
Das birgt eine Gefahr, der die westliche Psychologie nur mühsam begegnen kann. Dem Kreisen um sich selbst, sowohl in Form von Grübeln als auch durch Selbstbezogenheit, sind viele Formen der Psychotherapie nur schwer gewachsen.
Wie aber können wir unseren Patient*innen dabei helfen, ein Selbst-Verständnis zu entwickeln, das der Veränderlichkeit des Selbst und damit auch des Selbstgefühls, und der substanziellen Bezogenheit des Menschen besser gerecht wird? Wie können wir Ihnen dadurch helfen, ihre seelischen Nöte leichter zu bewältigen und diese Desillusionierung einschließlich möglicher Kränkungen, die darin liegen mögen, zu bewältigen?
Dazu möchte ich zunächst das Konzept der Übergangsphänomene vorstellen und anschließend die Meditation mit einem solchen Übergangsphänomen vergleichen, um deren Rolle in der Transformationsarbeit zu beschreiben.
Die Entstehung eines flexiblen Selbst als Entwicklungsaufgabe
Der amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker Mark Epstein stellt in seinem Buch „Gedanken ohne Denker“ ein Modell vor, das mittlerweile weit über die Psychoanalyse hinaus bekannt ist. Es stammt vom britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott (*1896, ♱1971).
Der hatte sich eingehend mit der Frage beschäftigt, was Kindern bei der Bewältigung der schwierigen Entwicklungsaufgabe hilft, allein sein zu lernen. Das ist ja eine grundlegende Fähigkeit, die Teil des seelischen Reifungsprozesses ist.
Winnicott, ein einflussreicher Vertreter der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie, entwarf hierzu das Konzept der Übergangsphänomene, von denen das bekannteste das sogenannte Übergangsobjekt ist:
Ein Teddybär oder ein Kuscheltuch als erster Besitz des kleinen Kindes wird mit allen Gefühlen besetzt, sowohl geliebt als auch durch die Gegend geschleudert, und lindert Ängste vor dem Einschlafen. Das deutet auf die unterstützende Funktion eines Gegenstands als Trost „im Übergang“ zu mehr Selbständigkeit hin, dessen charakteristische Eigenschaften sich irgendwo zwischen Subjekt und (entstehendem) Objekt befinden:
- Ein Übergangsobjekt ist der erste „Nicht-Ich“-Besitz des Kindes
- Es wird mit Bedeutungen „besetzt“ (z.B. durch Namensgebung) und „darf“ nur vom Kind verändert werden, obwohl laut Winnicott „ein gewisser Verzicht auf die eigene Omnipotenz (…) von Anfang an ein Merkmal dieser Beziehung (ist)“.
- ihre Rolle entspricht der Manifestation eines „Dazwischen“, das durch Inbesitznahme und „Heranholen vs. Wegstoßen“ aktiviert wird
- „Es muss triebhafte Liebe ebenso »überleben« wie Haß und gegebenenfalls reine Aggression. (Zitat Winnicott)“
- Es muss durch seine Eigenschaften ein Gefühl von Lebendigkeit und eigener Realität vermitteln.
Winnicott spricht auch von Übergangsräumen, intermediary spaces, in denen wir lernen, die Andersheit des Anderen und seine Unabhängigkeit von unseren Einflüssen zu tolerieren. So erholen wir uns von der irritierenden Feststellung, dass unser Einfluss auf unsere Umwelt und auf Andere, auf die wir uns angewiesen fühlen, oft kleiner ist als wir uns wünschen.
Gelingt die Auseinandersetzung mit der eigenen Ohnmacht mit Hilfe der elterlichen Präsenz, die die Frustrationen dosieren hilft, fördert diese Bewältigung die Entwicklung unserer Angsttoleranz.
Der Umgang mit diesen Übergängen bildet die Grundlage für ein Selbst, das nicht als starre, unveränderliche Festung allen künftigen Anstürmen der Umwelt und der Menschen trotzen muss, sondern flexibel und offen für Veränderung bleibt.
Winnicott beschreibt das Übergangsphänomen als sichtbaren Hinweis auf den „Prozess der Annäherung an objektive Erfahrung“. Kommt es zu Beeinträchtigungen bei der Entwicklung dieser Flexibilität, liegt dem oft eine Störung bei der Bewältigung dieser Aufgabe zugrunde.
Das Ergebnis sind oft starre, von Größenphantasien begleitete Selbstkonzepte, denen jedoch, wie ihren negativen Geschwistern, den negativen Selbstbildern, Minderwertigkeitsgefühle zugrunde liegen, die nur scheinbar erfolgreich kaschiert werden.
In der letzten Ausgabe meines Newsletters schrieb ich über das Glück, als Psychotherapeut*in den eigenen Narzissmus zu durchschauen. Jetzt möchte ich hier einen Schritt weitergehen, indem ich sowohl unsere eigene Arbeit am Selbstgefühl als auch die unserer Patient*innen mit Hilfe der Idee unterstütze, dass Meditation ähnliche Funktionen erfüllen kann wie ein Halt gebendes Übergangsphänomen im Sinne Winnicotts.
Seiner Vorstellung nach hilft das Übergangsobjekt dem Kind während der Entwicklung, indem es die Eigenschaft besitzt, weder „Ich“ noch „Nicht-Ich“ zu sein. Es bildet gewissermaßen eine Brücke für die Entwicklung stabiler Erfahrungen mit sich und anderen, in denen Andere als „Andere“ und das Kind selbst als „Ich“ in der Begegnung mit diesen Anderen wahrgenommen und anerkannt werden können.
Bei verlässlicher Bezogenheit zwischen Kind und bedeutsamen Bezugspersonen wird die Verschiedenheit besonders spürba in der angestrebten „Fähigkeit zum Alleinsein“, die in Gegenwart Anderer möglich wird. Das Kind kann sich dem eigenen Spielen zuwenden und wird dabei von der Mutter idealerweise nicht gestört.
So entsteht Vertrautheit mit Situationen, in denen wir in uns selbst ruhen und zugleich Verbundenheit spüren können. Die Abhängigkeit vom Halt gebenden Elternteil wird gemildert durch die Erfahrung stabiler Beziehungserfahrungen mit „Nicht-Ich“ und dem Objekt als „Anderem.“
Das ist das Wesen des verbundenen Selbst im Kontrast zum separaten Selbst.
Anatta – Nicht-Selbst und das psychoanalytische Selbst-Konzept
„Hätten Therapeuten die Ähnlichkeit zwischen meditativen Zuständen und Übergangsphänomenen erkannt, wäre die klare Verbindung zwischen dem Buddhismus und der psychoanalytischen Psychologie schon längst hergestellt worden.“
Mark Epstein
Kaum ein Teil der buddhistischen Psychologie wirkt zunächst einmal so irritierend für westliche Leser*innen wie das Konzept des Nicht-Selbst (Anatta). Diese Theorie besagt, dass es kein konstantes, in sich begründetes und separates Selbst gibt.
Die buddhistische Psychologie zählt diese Feststellung zu den drei sogenannten Daseinsfaktoren, den unabänderlichen Eigenschaften des Lebens:
- Dukkha – Leidhaftigkeit (oder besser übersetzt: Nicht-rund-laufen) als universelle Erfahrung
- Annica – unablässige Veränderung
- Anatta – Substanzlosigkeit des Selbst
Substanzlosigkeit bedeutet nach meinem Verständnis, dass es letztlich nur unsere Bilder, Geschichten, Vorstellungen und Erfahrungen sind, die dieses Selbst bilden. Diese sind ihrer Natur nach veränderlich, vermitteln uns jedoch die Illusion eines festen „Dings“.
Was wir aus der psychoanalytischen Perspektive als das Selbst bezeichnen, besteht übereinstimmend dazu aus den Erfahrungen, die das „Ich“ mit der Welt macht, und unseren Schlüssen, die wir daraus ziehen, sprich: den Vorstellungen, Erwartungen und dem Weltbild, die wir daraus entwickeln.
Man könnte also sagen: das Selbst besteht aus den Geschichten, die wir uns selbst und anderen über uns und unsere Beziehung zur Welt erzählen.
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Das Selbstgefühl als Meditationsobjekt
Welchen Halt können wir also unseren Patient*innen anbieten, wenn wir ihnen mit der Arbeit an ihrem Selbstbild vereinfacht gesagt den Umbau ihres Weltbildes vorschlagen?
Was hilft uns dabei, die durch einen so substanziellen Umbau entstehende Unsicherheit zu bewältigen, bis wir neue Fähigkeiten entwickelt haben, die uns die neu gewonnene „Freiheit in Verbundenheit“ genießen lassen?
Ich habe bereits einige Male darauf hingewiesen, dass wir uns Achtsamkeit am besten als eine Beziehungsqualität vorstellen können. Dieser Gedanke stammt von Sharon Salzberg, die damit die Möglichkeit beschreibt, uns und unsere Beziehung zur Welt durch die genaueste Untersuchung unserer Wahrnehmungsprozesse und deren Bewertung zu erforschen.
In der meditativen Einübung in die nicht-selektive, aufmerksame Wahrnehmung von Körper, Gefühlen, Gedanken, Sinneseindrücken und unserer eigenen Reaktivität auf Sinnesreize sehe ich nun eine mögliche Unterstützung bei der Flexibilisierung des Selbstkonzepts in Richtung eines „Selbst als Perspektive auf die Wirklichkeit“, die den von Winnicott eingeführten Übergangsphänomenen vergleichbar ist.
Warum?
Weil die wachsende Bewusstseinsfähigkeit ansonsten unbewusst ablaufender Prozesse, die durch regelmäßige Meditation entstehen kann, einen Zuwachs an Möglichkeiten für unser „Ich“ mit sich bringt, das uns im intermediären Raum zwischen „Ich“ und „Nicht-Ich“ begleitet. Wenn wir uns mit uns selbst vertraut fühlen und zuvor automatisch ablaufende Reiz-Reaktionsketten bemerken und zu lösen beginnen, können wir das als Halt gebende Erfahrung erleben, die unser Gefühl der Vertrautheit auch im Umgang mit der Unsicherheit sich verändernder Selbstwahrnehmung stärkt.
Je vertrauter ich mit den von mir wahrgenommenen Phänomenen und mit deren Veränderlichkeit bin, je genauer ich die Prozesse erkennen kann, die in mir ablaufen, desto leichter kann ich erkennen, an welcher Stelle ich Einfluss nehmen kann, und wo ich keinen Einfluss habe.
Hier vollzieht sich ein weiterer Schritt der Trennungsarbeit im Sinne der Getrenntheit in Verbundenheit. Die Erforschung der genauen Zusammenhänge ermöglicht mir, die Eigenständigkeit des Objekts anzuerkennen und mich aus Beziehungsformen zu befreien, die auf Einverleibung, Manipulation oder Projektion bestehen.
Das Selbst und das Ich – Getrenntheit, unterschiedlich betrachtet
Dazu benötige ich kein separates „Selbst“, durch das ich mich sicher und abgeschirmt fühle. Stattdessen kann ich das „Ich“ mit seinen dynamischen Funktionen nutzen, welches mir die nötige Fokussierung meiner Aufmerksamkeit unter dem Einwirken meiner Affekte erleichtert und eine Abstimmung mit zum Teil einander widersprechenden Impulsen ermöglicht.
Wir können sagen, dass der Kern der Meditation darin besteht, das Selbst zum Meditationsobjekt zu machen. So drückt es Mark Epstein in seinem Beitrag im Buch „Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining“ aus, auf das ich hier gerne verweise.
Es ist wichtig, zwischen diesem Ich und dem Selbst zu unterscheiden. Mit „Ich“ ist hierbei diejenige psychische Instanz gemeint, die Bewältigungsmechanismen zur Verfügung stellt, um den Umweltansprüchen und den von innen und aussen kommenden Reizen so zu begegnen, dass wir uns als soziale Wesen in unseren Beziehungen wohlfühlen können.
In der Existenz eines solchen hoch-funktionalen Ichs besteht auch schon der wesentliche Unterschied zu denjenigen Übergangsphänomenen, die Winnicott für die Entwicklung des Säuglings und des kleinen Kindes beschreibt.
Das Ich setzt die Getrenntheit bereits voraus, die durch die Ablösung aus der existenziellen Abhängigkeit von den Pflegepersonen, meistens Mutter und Vater, erst erlangt wird. Die dazu erforderlichen Beziehungserfahrungen bilden seelische Repräsentanzen im Inneren, mit denen diese Getrenntheit möglich wird.
Darum ist Meditation als Übergangsphänomen bei Patient*innen, die über eingeschränkte Ich-Funktionen verfügen, auch nur ein unter ganz bestimmten Umständen geeignetes Mittel.
Eingeschränkte Ich-Funktionen sind z.B. charakteristisch für sogenannte frühen Störungen der Fall. Sobald jedoch in einer dafür geeigneten Psychotherapie ausreichende Ich-Funktionen entstanden sind, und sofern im therapeutischen Kontext übergangsweise Hilfs-Ich-Funktionen verfügbar sind, oder wenn eine einfühlsame Anleitung der Meditation und besondere Vorkehrungen während der Meditation den nötigen Halt geben, kann diese den intermediären Raum zwischen Ich und Nicht-Ich erforschen helfen. Damit werden erste Erfahrungen mit diesem Werkzeug möglich, das Mark Epstein in seiner Anwendung des Winnicott’schen Modells beschreibt.
Wenn Sie meine Beiträge über narzisstische Gefahren der Meditation und wie man ihnen begegnen kann, noch einmal nachlesen möchten, gelangen Sie hier zu den drei aufeinander aufbauenden Folgen meines Newsletters:
Teil I: Narzisstische Gefahren in der Meditation, und wie wir ihnen begegnen können
Teil II: Meditation mit ihren Chancen und Risiken | Samadhi – von der Breite in die Tiefe – oder lieber doch nicht?
Teil III: Was zeichnet qualifizierte Meditationslehrer:innen aus?
Meditationserfahrung als Hilfe zur Bewältigung von Veränderungen der Selbstwahrnehmung
Im weiteren Verlauf einer Entwicklung, z.B. in einer Psychotherapie, kann die Meditation – und hier insbesondere die Vipassana-Meditation mit ihren Einsichten in die Wesensart unserer Wahrnehmungen und Erfahrungen – eine ganz bedeutende Unterstützung von Transformationsprozessen in der Psychotherapie bieten.
Je deutlicher wir wahrnehmen, wie es sich mit den Zusammenhängen zwischen sinnlicher Wahrnehmung und nachfolgenden Vorstellungen verhält, desto verlässlicher können wir die Stellen identifizieren, in denen wir das Selbst bisher als Notnagel verwendet haben, um uns sicher zu fühlen, auch wenn das eine Menge Probleme mit sich gebracht hat.
Und jetzt: in die Praxis.
Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

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