Vom Narzissmus des Psychotherapeuten – und vom Glück, als Psychotherapeut*in den eigenen Narzissmus zu durchschauen

Narzissmus des Psychotherapeuten

Haben Sie heute schon in den Spiegel geschaut? In den Spiegel Ihrer Vorstellungen, Erwartungen, Selbstbilder und Ansprüche?

Ich finde es sehr anstrengend, das Bild eines kohärenten Selbst aufrechtzuerhalten und bemerke, wie bemüht das manchmal auf mich selbst wirkt.

Heute bin ich der Überzeugung, dass viele Menschen, die mir begegnen, einschließlich mir selbst, der ich morgens in diesen Spiegel schaue, ein Bild von sich selbst aufrechterhalten, um nicht der Angst zu begegnen, die dahinter verborgen bleiben soll.

Also schreibe ich heute mal ein Beitrag zum Narzissmus des Psychotherapeuten…​

Aber von welcher Angst spreche ich dabei?

Donald W. Winnicott, ein britischer Psychoanalytiker, der sich mit der zentralen Bedeutung einer frühen, fürsorglichen und „haltenden“ Beziehung für das sich entwickelnde Kind beschäftigte, verwendete den Ausdruck „falsches Selbst“, um ein Phänomen zu beschreiben, das entsteht, um den Mangel an eben dieser fürsorglichen und förderlichen Beziehung zu kompensieren.

Er drückte damit das unbewusste Bemühen des Menschen aus, sich bereits als kleines Kind im Bild eines „Individuums“ verstecken zu können, das durch untrennbar miteinander verbundene (in-dividere) Eigenschaften gekennzeichnet ist, um sich nicht so verletzlich und von der wahrgenommenen Getrenntheit vom Anderen bedroht zu fühlen.

Davon sind wir als Psychotherapeut*innen nicht frei.

Wir können mit Winnicotts Hilfe erkennen, dass unser Streben nach Individualität auch dieses Motiv in sich bergen kann. So bemerken wir, dass ein „falsches Selbst“ eine lebenslang wirksame, zu Abwehrzwecken aufgebaute Konstruktion darstellt, um schmerzhafte Mangelgefühle zu vermeiden.

Wenn uns das klar wird, können wir beginnen, nach weniger anstrengenden Möglichkeiten zu forschen, um dieser alten Mangelerfahrung zu begegnen. Damit beginnen wir, deren unbemerkte Auswirkungen auf unser Hier und Jetzt im Erwachsenenalter zu begrenzen.

Doch bis zu dieser Erkenntnis ist es gerade für in der westeuropäischen Kultur Aufgewachsene ein oft harter Weg. Er ist zwangsläufig mit Kränkungen verbunden, und zwar um so intensiver, je mehr wir an unserem Selbstkonzept hängen und uns darauf angewiesen fühlen.

Wir nennen diese Kränkungen auch „narzisstische Kränkungen“, weil sie an unserem Selbstwertgefühl kratzen, das für unsere Sicherheit so bedeutsam ist.

Was bedeutet das für unseren Narzissmus als Psychotherapeut*in? Welche Rolle spielt unser Bestreben nach Individualität, nach Einzigartigkeit, und nach der darin verborgenen Möglichkeit, sich zu verstecken, um sich nicht (mehr) so verletzlich zu fühlen?

Wo drohen wir, durch unsere Identifizierungen mit unseren Auffassungen und Deutungen wertlos für die Verwendung durch unsere Patient*innen zu werden, weil wir damit die Verbundenheit erschweren, die für Transformationsprozesse so hilfreich und notwendig sein kann?

Dazu zunächst ein kleiner Exkurs in die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst. Er soll diesen Aspekt erhellen, damit wir uns der Schattenseiten der Identifizierungen bewusst werden und nach Alternativen Ausschau halten können.

Der Narzissmus des Psychotherapeuten im Spiegel von Anātta – die Lehre vom Nicht-Selbst

Man sagt, der Buddha habe nach seiner Erleuchtung, die das Ergebnis jahrelangen Suchens und Übens war, wenig Antrieb gehabt, seine Erkenntnisse dem Volk zu vermitteln. Er rechnete nicht damit, dass die Menschen seine Einsichten verstehen und begrüßen würden.

Ich kann das gut verstehen.

Im Mittelpunkt der buddhistischen Lehre steht die Unausweichlichkeit unbefriedigender Erfahrungen. Warum? Weil deren Befriedigungen immer vorübergehend sind, sich ihrer Wiederholung oft entziehen, und wir ihren Ausgang selten kontrollieren können.

Das Wort „dukkha“ beschreibt aus buddhistischer Sicht ein Daseinsmerkmal. Es ist ein Ausdruck in der Sprache Pali, die zur Zeit des historischen Buddha gesprochen wurde. In ihr sind viele frühe Lehrtexte verfasst.
Dukkha wird oft mit „Leid“ übersetzt. Die wörtliche Übersetzung heißt jedoch „nicht rund laufen“, so wie das Rad den Karren rumpelig fahren lässt, wenn die Nabe nicht zentriert ist.

Es ist für unser Leben charakteristisch, ja unvermeidlich, dass die Dinge oft nicht rund laufen.

Wer will das schon hören? Dass es dann im Kern der weiteren Lehre, die sich mit der Bewältigung dieser Erfahrung befasst, um Befreiung und Glück geht, kriegen wir womöglich schon gar nicht mehr mit.

In seinem Buch „Psychotherapy without a self“ schreibt der amerikanische Psychologe Mark Epstein:

Wir neigen dazu, alles, was geschieht, dazu zu nutzen, ein ausgeprägtes Selbstgefühl zu stärken. Das führt dazu, dass wir alles sehr persönlich nehmen. Die Alternative (…) besteht darin, genau dieses Selbstgefühl einer kritischen Prüfung zu unterziehen, wann immer es auftaucht. Wie real ist dieses Gefühl, das uns antreibt und das wir gewöhnlich als so selbstverständlich ansehen? (eigene Übersetzung)

Epstein schreibt dies aus der Perspektive eines Psychoanalytikers, der die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Psychoanalyse und buddhistischer Psychologie erforscht.

Für die buddhistische Psychologie ist es von zentraler Bedeutung, dass kein separates Selbst existiert. Alles, was unser Selbstgefühl prägt, wird bestimmt von unserer Vorstellung, die wir von der Welt haben, und unserer Beziehung dazu.

Als Psychoanalytiker ist das schon eine Herausforderung. Schließlich dreht sich in der Psychoanalyse so vieles um das Selbst in seiner ganzen Pracht – von den Haken und Ösen der vielen Selbstaspekte des Erlebens bis hin zu den Theorien der Selbstentwicklung und der Selbstpsychologie.

Dabei ist die psychoanalytische Vorstellung eines Selbst ist im Grunde gar nicht so weit weg von dem, was in der buddhistischen Psychologie zu entdecken ist.

Als Selbst können wir die Gesamtheit unserer Erfahrungen in und mit der Welt verstehen, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln und als „unsere Geschichte“ betrachten. Wenn wir uns aufgrund dieser Erfahrungen ein Bild von uns und der Welt machen, dann fehlt im Grunde nur noch ein kleiner Schritt.

Sobald wir nämlich dessen bewusst werden, dass es sich um einen Ausdruck „unserer Geschichte“ handelt, die wir uns und anderen erzählen, können wir auch als Erwachsene darin noch aufschlussreiche Entdeckungen machen. Das bedeutet ja, dass dieses Bild nicht immer (und nicht für alle) zutrifft, und manchmal dem Selbstschutz dient, der auf einen Mangel an befriedigenden Beziehungserfahrungen verweist.

Wenn wir die westliche Psychologie als Lehre betrachten, die sich um die Entwicklung eines kohärenten Selbst dreht, wird deutlich, was für ein dickes Brett der Narzissmus für unser Selbstverständnis als Psychotherapeut*in und für die Arbeit mit unseren Patient*innen darstellt.

Zur Erinnerung:
Die Bezeichnung „Narzissmus“ entstammt der griechischen Mythologie und der Sage des Narziss, der – getrieben von der Suche nach sich selbst – seinem Spiegelbild in einem Teich begegnete, und sich in dieses Bild so sehr vertiefte und verliebte, dass er sich davon nicht mehr lösen konnte und letztlich verhungerte und starb.

Freud ging ursprünglich davon aus, dass man Narzisst*innen nicht psychoanalysieren könne, Menschen also, die seiner Auffassung nach kein Bedürfnis danach verspüren, etwas mit anderen zu teilen, weil sie vom Grundgefühl geprägt sind, die Welt drehe sich um sie selbst, und an einem ständigen Mangel an Befriedigung leiden. Sie seien zur Übertragung unfähig, was der Psychoanalyse ihr Werkzeug raube, mit der sie Widerstände aufdecken und dahinter verborgene Konflikte auflösen könne.

Ich denke, er drückte mit seiner Einschätzung jedoch eher die Grenzen dessen aus, was er bis dahin sehen und wofür sich demzufolge die Psychoanalyse zum damaligen Stand ihrer Entwicklung eignen konnte.

In einer früheren Ausgabe meiner „Berichte aus der Achtsamkeitspraxis eines Psychoanalytikers“, vor ungefähr einem Jahr, habe ich das Konzept des „Nicht-Selbst“ bereits aus meiner damaligen Sicht beschrieben. Wenn Sie diese Beschreibung noch einmal nachlesen möchten, finden Sie hier den Bericht „Wer bin ich? Das Selbst in der Bewältigung leidvoller Erfahrungen aus psychoanalytischer und buddhistischer Sicht.“

Doch jetzt zurück zur Perspektive, die ich heute auf diese Frage einnehmen möchte. Was bedeutet das für unseren Narzissmus als Psychotherapeut*in?

Wie wirkt sich die Erkenntnis, dass es „Gedanken ohne Denker*in“ gibt, auf unser Selbstverständnis als Psychotherapeut*in und unser Verständnis für unsere Patient*innen aus? Welchen Sinn kann es machen, darüber hinaus auch von „Gefühlen ohne Fühlende*r“ zu sprechen?

Könnte in beidem eine lohnende Alternative zur Selbstbezogenheit unserer Gedankenwelt und unseres Gefühlslebens stecken, mit der wir anders auf unser (narzisstisches) Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbstbewusstsein eingehen könnten?

Sowohl für die buddhistische als auch die psychoanalytische Perspektive gilt, dass die Erforschung der Gefühls-, Gedanken- und Verhaltensmuster erst der Anfang ist. Danach müssen wir eine Form finden, um mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen umgehen, leben und arbeiten zu können.

Kann diese Selbstlosigkeit unseres Denkens, Fühlens und Handelns erleichternd wirken? Kann also die Tatsache, dass nichts von uns selbst existiert, das sich als separat, kohärent und völlig losgelöst von unserem „Verbundensein und in der Welt sein“ betrachten lässt, uns das Glück bescheren, endlich nicht mehr so viel persönlich nehmen zu müssen?

Lassen Sie uns das am Beispiel von Selbstmitleid und Selbstmitgefühl betrachten. Beide kommen sowohl in der Begegnung mit uns und unseren Kolleg*innen, als auch mit unseren Patient*innen vor.

Was unterscheidet Selbstmitgefühl vom Selbstmitleid?

Jemand, der ständig darunter leidet, dass er oder sie sich „nicht richtig“ fühlt, gerät schnell in das, was wir „depressive Denkschleifen“ nennen. Wir kreisen mit unseren Überlegungen um uns selbst, bespiegeln und reflektieren uns, vergleichbar einem Narziss, der sich in sein Spiegelbild im Wasser verliebt, und übersehen, dass uns das, was wir sehen, letztlich ins Unglück treibt.

Wenn wir nun diese Haltung nicht vollständig aufgeben können, dann oft deswegen, weil wir damit versuchen, unsere Angst in Schach zu halten. Die würde – so das Bild, das diese Angst in uns erzeugt – entstehen, sobald wir uns als unbefriedigt wahrnehmen, diesen Mangel wirklich an uns heranlassen und beginnen, uns mit ihm auseinanderzusetzen, statt ihn als Legitimation in unser Selbstbild zu integrieren.

Statt jedoch zu dieser beängstigenden Einsicht zu gelangen, verharren wir bei unserem Spiegelbild und beginnen, uns dafür zu bemitleiden, was uns widerfahren ist. Mit dieser mitleidigen Bespiegelung verkleben wir uns mit dem Problem, unter dem wir leiden, und fühlen uns dadurch „konsistent“, aber eben nur in Verbindung mit dem Phänomen, das wir als Selbstmitleid bezeichnen.

Wenn Sie dieses Phänomen bereits einmal in Ruhe beobachten konnten, was oft nur schwer gelingt, weil es so unerträglich ist, dann können wir darin eine gewisse Selbstgerechtigkeit feststellen, verbunden mit einer Attitüde, die wir auch deswegen so schwer aushalten können, weil sie uns zeigt, wie schwer jemand zu helfen ist, der sich auf dieses Selbstmitleid ja gerade angewiesen fühlt.

Ganz anders fühlt es sich an, wenn jemand Selbstmitgefühl entwickelt, und zwar sowohl für uns, die diesem Menschen begegnen, als auch für diesen selbst.

Können wir uns in unserer Not mitfühlend wahrnehmen und erkennen, dass die daraus entstehende Angst uns fortwährend beschäftigt und veranlasst, sie zu vermeiden und ihr aus dem Weg zu gehen, dann gelangen wir hierdurch zu einer Einsicht, die uns von der Selbstbezogenheit befreit. Wir nehmen das unangenehme Gefühl wahr, müssen jedoch nicht damit verkleben.

Stattdessen gelingt es uns vielleicht, dass wir uns so etwas wie „So fühlt es sich also an, wenn dieses Gefühl vorhanden ist.“ zu sagen. Oft ist das nur aus einer Haltung heraus möglich, mit der wir uns etwas von unseren Gedanken und Gefühlen distanzieren. Diese Haltung müssen wir bewusst einnehmen, um uns unserer Gedanken und Gefühle bewusst zu werden und sie zu erforschen.

Wie gelangen wir zu dieser Haltung der wohlwollenden Selbstreflexion?

Für mich ist die Vipassana-Meditation eine gute Hilfe. Ich gewinne durch die meditative Vertiefung der Wahrnehmungen im Hier und Jetzt Einsichten in die Bedingtheit von Vorstellungen und Gefühlen, insbesondere in deren Veränderlichkeit im Laufe der Zeit, ohne dass ich aktiv eingreife.

Die damit einhergehende, zunehmende Geübtheit darin, die Beziehungen dieser Vorstellungen und Gefühle untereinander genauestens zu erforschen und zu beobachten, ließ mich in den vergangenen Wochen einmal mehr den Eindruck gewinnen, dass diese Methode zu Recht oft als der „direkte Weg zur Befreiung“ von leidvoller Selbstbezogenheit gilt.

Aber auch die Übung der De-Fusion in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie ist explizit darauf ausgerichtet, uns bewusst zu machen, was sich in unserer Perspektive ändert, wenn wir statt „Ich bin ein ängstlicher Mensch“ sagen könnten „Ich spüre, wie sich die Angst anfühlt, wenn ich den Vorstellungen folge, die eine Verunsicherung in mir auslösen.“

Der Unterschied zwischen Selbstmitleid und Selbstmitgefühl besteht darin, in welchem Verhältnis wir bei der Betrachtung leidvoller Erfahrungen zu unseren Gedanken und Gefühlen stehen.

Während wir uns im Selbstmitleid einzuigeln drohen und in selbstreferenziellen Schleifen feststecken können, versetzt uns Selbstmitgefühl in die Lage, unsere Gedanken und Gefühle weniger „persönlich“ zu nehmen, weil wir deren Vergänglichkeit und Unpersönlichkeit selbst erkennen können.

Eine weitere Methode möchte ich hier explizit noch nennen, die sich besonders dafür eignet, erste Erfahrungen mit diesem „Ent-persönlichen“ zu machen, und Selbstmitgefühl zu trainieren. Sie heißt RAIN und greift auf alte, buddhistische Achtsamkeitspraktiken zurück, die unter anderem von der amerikanischen Psychologin Tara Brach weiterentwickelt wurden.

RAIN – eine Übungspraxis im Umgang mit (schwierigen) Gefühlen

In der vergangenen Woche habe ich an einem Meditations-Retreat teilgenommen. Eine Woche Vipassana-Meditation in der Stille eines ehemaligen Benediktiner-Klosters – eine intensive, wohltuende Erfahrung. Ich habe mich unter anderem mit der RAIN-Praxis beschäftigt, die ich auch in meinem Kurs „Achtsamkeitspraxis als Psychotherapeut*in“ vermittele.

Was bedeutet RAIN?

Es steht als Akronym für die vier Schritte

  1. Recognize – Erkennen
  2. Acknowledge oder Allow – Anerkennen bzw. Zulassen
  3. Interest oder Investigate – neugierig erforschen
  4. Non-Identification und Nurture – Nicht-Identifizierung und „was brauche ich jetzt?“

Mit diesen vier Schritten können wir Gefühlen in einer Weise begegnen, die uns dabei unterstützt, anzuerkennen, was wir empfinden. Das kann in einer formalen Meditation geschehen, gerade wenn wir uns dieser Vorgehensweise noch nicht so vertraut fühlen, oder auch im Rahmen eines Gesprächs mit vertrauten Freund*innen oder einer Psychotherapie.

Der letzte dieser vier Schritte in der Abfolge der RAIN-Praxis – die Nicht-Identifizierung – lässt sich leichter gehen, wenn es uns mit den vorherigen Schritten bereits gelungen ist, einen Zugang zu einer interessierten, neugierigen Sicht auf unsere Gefühle zu finden.

Dabei spielt die in der eigenen Praxis von Teilnehmer*innen oft berichtete Weite und Offenheit des Bewusstseins im Austausch mit den eigenen Alltagserfahrungen eine bedeutsame Rolle. Diese Beobachtung bestätigt auch die Einschätzung, dass der wesentliche Mechanismus des depressiv-gefärbten Stimmungszustands des Gedankenkreisens oder Grübelns mit der Selbstreferentialität der Beobachtung leidvoller Vorstellungen und unangenehmer Gefühle verbunden ist, aus der heraus immer weniger Zuversicht spürbar wird, Einfluss auf das eigene Befinden nehmen und sich von bedrückenden Vorstellungen distanzieren zu können.

Mit Hilfe der RAIN-Praxis gelingt es vielen, die sie praktizieren, dieses „sich-Einbohren“ in diese belastende Verfassung Schritt für Schritt rückgängig zu machen.

Selbstzurücknahme – eine förderliche Haltung als Psychotherapeut*in?

In einem früheren Beitrag meiner Berichte zur Achtsamkeitspraxis tauchte das Stichwort „Selbstzurücknahme“ bereits auf. Damals hatte ich es in Hinblick auf die Frage diskutiert, wie ich mich gesellschaftlichen Fragen wie zum Beispiel politischen Entwicklungen zuwenden kann, wenn ich zugleich als Psychoanalytiker arbeite.

Damals schrieb ich:

„Was mich dabei in Hinblick auf meine Ausgangsfrage jetzt neugierig macht, betrifft eine Art der Zugewandtheit zur Welt, die umso intensiver sein kann, je weniger ich mich von der Bezogenheit auf mich selbst, meine Wünsche und Bedürfnisse bestimmen lasse.“

Selbstzurücknahme wurde als Konzept vom Hildesheimer Professor für Kulturphilosophie, Rolf Elberfeld, geprägt. Er beschreibt damit eine Haltung, die im Kontext unserer heutigen Überlegungen zu einer offeneren, wohlwollend-selbstkritischen und reflexiven Haltung beitragen kann. Ich habe sie einige Male in Zusammenhang mit sogenannten analytikerzentrierten Deutungen als extrem hilfreich erlebt.

Dabei bringe ich in angespannten Situationen im analytischen Prozess ein nachdenkliches Moment der Selbstbetrachtung meiner Rolle als Analytiker ins Gespräch, wenn ich z.B. in der Stunde laut darüber nachdenke, ob sich mein*e Patient*in durch meinen Beitrag zur betreffenden Situation verärgert, enttäuscht oder zurückgewiesen gefühlt haben könnte.

Mit der Zeit lerne ich, dass Zurücknahme als Teil einer Haltung der Präsenz den Raum dafür bieten kann, damit sich mein Gegenüber in diesen Raum hinein entwickeln kann. Gleichwohl beschreibt sie eine Gratwanderung.

Diese Gratwanderung entsteht dadurch, dass wir uns in der Psychotherapie einerseits als spürbares Gegenüber anbieten, andererseits damit auch mit den eigenen Bedürfnissen und Grenzen im Raum bewegen. Diese gilt es, mit Blick auf unsere Rolle als Psychotherapeut*in, im Blick zu behalten. Während wir also auf der einen Seite mit der Selbstzurücknahme den Raum bieten, den unser*e Patient*in benötigt, setzen wir gleichzeitig Grenzen und bieten uns mit unserer Persönlichkeit an.

Mir helfen hierbei neben meiner psychoanalytischen Selbsterfahrung und meinen ethischen Grundsätzen, die mein Wertesystem bilden, und mein Handeln leiten, auch die Erforschung in der buddhistischen Praxis. Dabei stieß ich zu meiner großen Freude noch auf ein weiteres Stichwort, das mich seit vielen Jahren begleitet, ohne dass ich wusste, dass es sich dabei ebenfalls um einen von der Psychoanalyse und vom Buddhismus geprägten Begriff handelt: das Nicht-Wissen.

Nicht-Wissen als psychotherapeutische Haltung

Auch hierzu gibt es einen vertiefenden Beitrag auf meiner Website, den ich Ihnen gerne empfehlen möchte:

Zuhören hilft! Nicht-Wissen und kreative Entwicklung in der Psychotherapie

Auch hierzu noch einmal der vorhin zitierte amerikanische Psychoanalytiker Marc Epstein:

Die Methode des Buddha, dieses Dilemma (des unbefriedigenden Bildes, das wir uns als Subjekt von der Welt machen, SB) zu lösen, bestand darin, zum ≫Nicht-Wissen≪ zu ermutigen. ≫Bewahrt euch diesen „Weiß-nicht“-Geist!≪ rief der Zen-Meister. Kultiviert ≫den Glauben in den Zweifel≪, fordert der zeitgenössische buddhistische Autor Stephen Bachelor.

Mich bewegt die Frage, wie sich dieses Nicht-Wissen am besten vermitteln lässt, wenn wir doch im genauen Gegensatz dazu immer wieder dazu aufgefordert werden, uns als Expert:innen zu positionieren und mit unserem Wissen zu helfen.

Das ist jedoch nur ein scheinbarer Widerspruch. Der britische Psychoanalytiker Wilfred R. Bion hat die Haltung des Nicht-Wissens als eines der drei Elemente seines berühmten Zitats benannt, wie wir mit unseren Patient*innen in die Stunde gehen sollen:

„No memory, no desire, no understanding.“

Bion gehört fraglos zu den Psychoanalytiker*innen, die mit ihren Konzepten die Psychoanalyse nach Freud am stärksten geprägt und weiterentwickelt haben. Gleichwohl waren seine Theorien stets umstritten.

Damit sind wir wieder bei der Einschätzung angelangt, die zu Beginn bereits für die Lehren des Buddha galten. Es ist mitunter schwer verdaulich, wenn wir uns mit unserem eigenen Narzissmus konfrontiert sehen und uns damit auseinandersetzen müssen.

Ich erlebe es jedoch als sehr befriedigend und sogar – wie im Titel dieses Beitrags schon erwähnt – als Glück, wenn es mir gelingt, die Selbstanteile, mit denen ich während meiner Arbeit als Psychotherapeut präsent bin, durch die tägliche Übung meiner Vipassana-Meditationspraxis in ihrer wahren Natur als unbeständig und weitgehend von unserer Kontrolle unabhängig zu erkennen.

Ich bin ich selbst, mit meiner Geschichte und meiner Sicht auf die Welt, und bin mir zugleich des Nicht-Selbst der damit einhergehenden „Gehirn-Funken“ aus Gedanken und Gefühlen bewusst. So kann man zur Einsicht gelangen, dass „It’s not about you!“ keine Entwertung, sondern eine Erleichterung bedeutet.

Soweit für heute.
Und jetzt: in die Praxis.

Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

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Praxis der Präsenz

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Comments

Ein Kommentar zu „Vom Narzissmus des Psychotherapeuten – und vom Glück, als Psychotherapeut*in den eigenen Narzissmus zu durchschauen“

  1. […] Konsequenzen hätte das für Ihr Denken? Was würde daraus für Ihr Selbstgefühl folgen? Wären Sie erleichtert? Gestresst? […]

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