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Über den Nutzen einer täglichen Meditationspraxis als Psychotherapeut

tägliche Meditationspraxis

Newsletter #36 vom 17.01.2026

Update vom 25.01.:

Die Psychotherapie Richtlinie schließt den Einsatz übender oder suggestiver Interventionen in psychoanalytisch begründeten Verfahren aus. Das Feedback auf meinen Newsletter zeigt, dass manche Kolleg*innen, die den Nutzen von Achtsamkeit und buddhistischer Psychologie sehen, ratlos vor der Frage stehen, wie sie diese Möglichkeiten für die Arbeit mit ihren Patient*innen nutzen können.

Die kommende Ausgabe meines Newsletters wird genau dieser Frage gewidmet sein. Sie erscheint am 31.01.2026.

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Warum reden Sie eigentlich immer so viel über Ihre Übungspraxis?
Irgendwann muss man es doch mal können?!

Der berühmte katalanische Cellist Pau Casals übte noch im Alter von 93 Jahren täglich drei Stunden lang.
Auf die Frage, warum er immer noch so viel übe, antwortete er:

„Ich fange an, gewisse Fortschritte zu bemerken.“

Was für mich vor knapp vier Jahren mit meinen ersten Meditations-Sessions begann, hat sich seither in eine tägliche Meditationspraxis verwandelt.

Mittlerweile fehlt mir dieses tägliche Üben der Meditation, wenn ich einmal nicht die Zeit finde, um zu praktizieren.

Ich erinnere mich daran, wie erfolgreich ich darin war, als Jugendlicher neue Stücke am Klavier zu lernen, solange ich jeden Tag übte.
Nach Unterbrechungen war es dagegen oft schwer, wieder „reinzukommen“.

Aber warum wird immer wieder empfohlen, täglich zu üben?

Unser Gehirn scheint besonders positiv auf Wiederholungen und einen genügend langen Zeitraum des Lernens zu reagieren.

  • Gewohnheiten lassen sich oft am besten etablieren, wenn wir sie täglich, zur selben Zeit, sogar am selben Ort ausüben.
  • Variationen bewirken erst später eine flexiblere Eingewöhnung.
  • Die konzentrierte Vorgehensweise der „Deliberate Practice“ scheint dadurch am effektivsten zu funktionieren, dass wir uns beim Üben auf die Wiederholung der Passagen und Aspekte konzentrieren, die uns besonders schwer fallen.
  • Neurowissenschaftliche Untersuchungen lassen uns annehmen, dass nachhaltige neurobiologische Veränderungen auf eine längerfristige Aktivierung angewiesen sind.

Darum gilt auch die tägliche Meditationspraxis als besonders effektiv z.B. für Verbesserungen des Selbstbewusstseins, der Aufmerksamkeit und der Konzentration.

Dabei kommt es offenbar nicht darauf an, besonders lange zu praktizieren, sondern es „zu tun“ und nicht immer wieder zu überlegen, ob es Sinn macht. Selbst fünf Minuten Konzentration werden vom Gehirn als Übung wahrgenommen.

Wobei hilft die tägliche Meditationspraxis in der Psychotherapie?

Kann eine eigene, kontinuierliche Achtsamkeitspraxis auch zur Entwicklung unserer psychotherapeutischen Qualität beitragen?

Was ist der persönliche und der berufliche Nutzen kontinuierlicher Meditationspraxis, der einen so hohen Aufwand rechtfertigen könnte wie den, sich täglich – gar für einen nicht vorbestimmten Zeitraum – dieser Praxis zu widmen?

Diesen Fragen geht die heutige Ausgabe meines Newsletters nach.
Vielleicht wird es einer der persönlichsten Berichte aus meiner Achtsamkeitspraxis.


Ich werde Ihnen meine Gedanken dazu mit Erfahrungen illustrieren, die sich aus meiner bisher vierjährigen Praxis gebildet haben.
Dabei würde ich mich besonders über Ihr Feedback freuen, etwa indem Sie mir über Ihre eigenen Erfahrungen mit Achtsamkeit und Meditation berichten, und ich freue mich auf einen Austausch mit Ihnen.
Falls Sie sich neu mit dem Gedanken tragen, zu meditieren und Achtsamkeit zu praktizieren, freue ich mich ebenso über Ihre Fragen und bin interessiert an Ihren Beweggründen.


Als ich vor vier Jahren damit begann, regelmäßig zu meditieren, hatte sich ein Bedürfnis dazu in den vorangegangenen Monaten ausgebildet.

In dieser Lebensphase spielten ganz grundsätzliche Fragen des Älterwerdens, der Veränderung meiner biografischen Situation nach dem Tod meiner Eltern und der Auflösung meines Elternhauses, aber auch Gedanken an berufliche Veränderungen eine bedeutsame Rolle.

Ich fragte mich nach einer Zeit hoher persönlicher und beruflicher Belastung auch, ob ich noch einmal eine analytische Selbsterfahrung beginnen sollte, hatte jedoch den eher diffusen Eindruck, etwas anderes zu suchen, als eine erneute Psychoanalyse.

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, die zurückliegenden Erfahrungen zu verarbeiten, las ich einige Bücher und Magazine, deren Titel mir passend schienen.

So stieß ich zum ersten Mal auch auf ausführlichere Beiträge zur Achtsamkeit. Die hatte ich bisher als verhaltenstherapeutisches Verfahren wahrgenommen und besaß nur rudimentäre Kenntnisse darüber, um was es sich dabei eigentlich handelte.

Wenn ich heute meine ersten Notizen dazu lese, dann muss ich ein bisschen schmunzeln, denn ich kann damit nachvollziehen, welches Bild von Achtsamkeit in der Öffentlichkeit vorherrscht.

Damals stand ich, als langjährig praktizierender Psychoanalytiker, noch einmal ganz am Anfang einer Entdeckungsreise, diesmal in die Welt der buddhistischen Meditationspraxis, der säkularen Achtsamkeitsmeditation wie der traditionellen Zen-Sesshins, bis zur heutigen Ausbildung zum Meditationslehrer, um in dieser Tradition eines Tages selbst meine Erfahrungen weitergeben zu können.

Parallel zu dieser Form der Praxis lernte ich, wie sich günstige Gewohnheiten ausbilden, mit Hilfe des Buches „Atomic Habits“ des amerikanischen Autors James Clear. In seinem Bestseller beschreibt Clear die wissenschaftlichen Hintergründe der Erfahrung, dass eine tägliche Praxis selbst kleinster Veränderungen so hilfreich ist für die Ausbildung neuer Eigenschaften.

Ich möchte Ihnen also einige der Aspekte ans Herz legen, die für mich in den vergangenen vier Jahren entscheidend wurden, um um daraus eine Gewohnheit zu bilden, täglich mit Gewinn zu meditieren.

Brille putzen

Bitte sehen Sie es mir nach, wenn Sie selbst diese Erfahrung nicht ganz nachvollziehen können, weil sie selbst keine Brille tragen. Aber zu Beginn eines jeden Arbeitstages steht für mich in einer Reihe mit dem Schreiben der Morgenseiten und der täglichen Meditation das Putzen meiner Brille.

Sehen, was wirklich ist

Achtsamkeitsmeditation ist für mich in erster Linie zu einer Möglichkeit geworden, mich immer wieder darauf zu besinnen, wie wichtig es ist, herauszufinden, was wirklich ist. Meine wiederkehrende Frage, die mich auch während der psychotherapeutischen Sitzungen immer wieder begleitet, ist deshalb auch: „Was wäre, wenn es anders wäre?“

Von Zenmeister Shunryu Suzuki habe ich das Konzept des Anfängergeistes gelernt. Es besagt hinsichtlich unserer psychotherapeutischen Praxis auch, dass wir unseren Patient*innen in einer Weise begegnen können, als wenn wir sie das erste Mal sähen.

„Wenn Sie meinen, Ihren Patienten zu kennen, behandeln Sie den falschen Patienten.“
Wilfred R. Bion

Achtsamkeit lehrt mich, immer wieder genau hinzuschauen, selbst meine alltäglichen Wahrnehmungen genauestens zu erforschen und ganz im gegenwärtigen Moment zu sein.

Um mich möglichst gut mit diesen Wahrnehmungen auszukennen, habe ich mir angewöhnt, täglich mit meiner Atmung als Anker, auf den ich immer wieder zurückkehren kann, wenn ich mich abgelenkt fühle, meine Körperwahrnehmung zu erkunden, meine Gefühle aufzunehmen und meine Gedanken zu registrieren, ohne ihnen zu folgen.

Ich will keine höheren (oder tieferen) Bewusstseinszustände erreichen oder gar eine Bewusstseinserweiterung, auch wenn mich das durchaus interessieren würde. Mein Anliegen ist lediglich, ganz wach und präsent zu sein im gegenwärtigen Moment, und das über einen langen Arbeitstag hinweg möglichst kontinuierlich.

Die Schleier eigener Vorstellungen lüften

Wenn ich in dieser Weise meine Aufmerksamkeit lenke, gelingt es mir leichter, auch meinen Vorstellungen auf den Grund zu gehen, und sie als Vorannahmen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei bin ich mir bewusst, dass wir diese Vorstellungen als Teil unseres theoretischen Wissens und unserer Erfahrung auch benötigen, um Situationen zu bewerten und Diagnosen zu stellen, Behandlungspläne zu entwerfen und Patient:innen zu helfen, den Fokus zu finden.

Zugleich habe ich jedoch in den vergangenen Jahren gelernt, als Psychotherapeut wie als Meditierender, diese Vorstellungen als Vorstellungen zu identifizieren und mein Nicht-Wissen als Teil einer unvoreingenommenen Haltung zu betrachten.

Unser Blickfeld von Spuren des Erlebten befreien

Weil ich jeden Tag mit so vielen Menschen spreche, verändert sich im Laufe der Zeit mein Blick, meine Perspektive. Mit Hilfe der Achtsamkeit kann ich leichter als je zuvor erkennen, wo diese Veränderungen wirksam werden und wie ich ihnen begegnen kann. Zugleich hilft mir der achtsame Blick auf mich selbst, auch die Aspekte des Erlebens zu identifizieren, die in mir besondere Reaktionen ausgelöst haben, um mich selbstfürsorglich darum zu kümmern, dass diese nicht zu lange aktiv in mir verbleiben.

Auch wenn das nicht immer so möglich ist, dass ich abends völlig entspannt in den Feierabend gehe, schaffe ich damit gute Voraussetzungen dafür, dass ich auch jetzt noch, nach fast 18 Jahren und damit über 100.000 Gesprächsstunden mit meinen Patient*innen, Freude an meiner Arbeit empfinde und selten Tage erlebe, in denen ich keine Lust dazu verspüre, mit meinen Patient*innen und Supervisand*innen zu sprechen.

Verbindungen pflegen

Dieses Stichwort entstammt der heutigen Meditation mit einem meiner derzeitigen Vipassana-Lehrer, Adriaan van Wagensveld. Er beschreibt damit die Möglichkeit, auf verschiedene Formen der Verbundenheit zu schauen, während wir meditieren, um diese zum besseren Verständnis dessen zu verwenden, was wir erfahren.

Verbindungen zwischen Bewusstsein und Körper

Eine der vielen Entdeckungen, die ich während der Jahre meiner Meditationspraxis gemacht habe, betrifft die besondere Rolle der Körpererfahrungen, die diese für die Entwicklung unseres Bewusstseins haben.

In der buddhistischen Tradition habe ich in besonderer Weise erlernt, welche negativen Auswirkungen alleine die Aufteilung in Leib und Seele für das Verständnis des Menschen hat. Was zwischenzeitlich wohl aus naturwissenschaftlicher Sicht ermöglicht hat, dass die Medizin in ihrer heutigen Form existiert, hat viele Schattenseiten der Entmenschlichung mit sich gebracht, unter denen unser heutiges Verständnis von Heilen und Forschen leidet.

Ein Zitat des portugiesischen Neurowissenschaftlers Antonio Damasio:

Für die Psychotherapie ist die körperliche Wahrnehmung ein essenzieller Weg zur Erschließung der inneren Wirklichkeit und zu einer differenzierten Gefühlswahrnehmung.
Zitiert nach Ludwig J. Grepmair (2007)

In der Psychotherapie lernen wir das heute in besonderer Weise wieder durch die Berücksichtigung traumatischer Embodiments oder somatischer Enactments bei der Arbeit mit schwer in ihrer Entwicklung beeinträchtigter Patient*innen.

Achtsamkeit und Mitgefühl stehen für mich hierbei auch für die besondere Aufmerksamkeit, die ich der unmittelbaren Wahrnehmung des gegenwärtigen Geschehens beimesse, wie ich es als Psychoanalytiker aus der Untersuchung der analytischen Situation im Hier und Jetzt kenne, wenn ich meine eigenen seelischen und körperlichen Reaktionen einbeziehe.

In der buddhistischen Tradition gibt es die dualistische Unterscheidung zwischen Seele und Körper nicht. Welcher Erfahrungsreichtum sich in der gemeinsamen Wahrnehmung beider Aspekte des Seins erschließt, entdecke ich in vielen Begegnungen mit meinen Patient:innen, in denen sich dieser Zugang finden lässt.

Verbindungen zwischen Wahrnehmung und Wahrgenommenem

Ich staune immer wieder über die Differenziertheit, mit der schon in den frühen Schriften des Buddhismus leib-seelische Vorgänge im Wahrnehmungsprozess beschrieben werden. Die zentrale Lehrrede des Buddha zur Entwicklung von Achtsamkeit, das Satipaṭṭhāna-Sutta, die ich zur Zeit intensiv studiere, entfaltet diese Teile des Wahrnehmungsprozesses so, dass deutlich wird, wie wichtig ist, jeden Abschnitt dieses Prozesses zu erforschen.

Dabei bestehen enge Verbindungen zu dem, was ich eben zum „Sehen, was wirklich ist“ beschrieben hatte. Hier möchte ich am Beispiel der teilnehmenden Beobachtung als Konzept einer naturalistischen Forschung deutlich machen, wie zentral dieser Aspekt der Verbindungspflege für die Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Kunst ist.

Sobald wir uns als Teil des Erlebten betrachten, bekommen wir Zugang zu einem vertiefenden Verständnis der Erfahrungen, die wir in der psychotherapeutischen Beziehung mit unseren Patient:innen teilen. Darin besteht ein wesentlicher Teil des ko-kreativen Prozesses unserer Arbeit, der uns in Frage stellen lässt, was uns als medikalistisches Behandlungsprinzip vermittelt wird.

Wer ist hier Behandler*in, und wer Behandelte*r? Die Grenzen werden zwar niemals unbedeutsam, aber immer relativer, sobald wir uns in der Lage fühlen, diese innere und äußere Beteiligung schon im Wahrnehmungsprozess zu erkennen.

Verbindungen zwischen Innen und Außen, Selbst und Nicht-Selbst

Letztlich führt das eben Gesagte zur Infragestellung eines separaten Selbst. Wenn alles miteinander verbunden ist und in Beziehung zueinander steht, dann ergeben sich daraus spannende Perspektiven. Das habe ich als ein Mensch, der fest in der westlichen Kultur verwurzelt ist, mit besonderem Staunen erfahren.

Das individuelle Erleben, die Privatheit, das Eigene, all das ist mir wichtig und vertraut. Diese Aspekte jedoch als Ausdruck einer Kultur zu untersuchen und mit anderen Kulturen wie zum Beispiel der buddhistisch geprägten Länder zu vergleichen, war für mich eine der wesentlichen Entdeckungen in der Ethnopsychoanalyse.

In der Achtsamkeitspraxis des Buddhismus ist mir dieses Phänomen wieder begegnet.

Gestern hörte ich die Aufzeichnung eines Vortrags von Jon Kabat-Zinn, dem Begründer des MBSR-Verfahrens, mit dem auf Achtsamkeit basierende Stress-Reduktion gelehrt wird.

Im Rahmen einer Vortragsreihe des amerikanischen Upaya-Zen-Center in Santa Fe, New Mexico, dessen Fördergemeinschaft ich seit drei Jahren angehöre, sprach er zum Jahres-Thema „The Measure of Our Humanity“ über Verbundenheit.

Ich gebe hier ein längeres Zitat wieder, das für mich besonders deutlich macht, wie tiefgreifend diese Verbundenheit ist, und welche Konsequenzen wir daraus ziehen können:

„Und so atmen wir gemeinsam auf die bestmögliche Weise, die wir kennen, und lernen, wie man atmet und wie man liebt.
Und wenn wir von einem Standpunkt der Nicht-Getrenntheit aus schauen, und so schwer es uns schwerfällt, nicht unterscheiden zwischen denen, mit denen wir übereinstimmen, und denen, mit denen wir nicht übereinstimmen; denen, die wir so leicht in Schubladen stecken und mit Etiketten versehen können, und uns dabei sehr gerecht fühlen, dann erkennt doch unser Bewusstsein, dass es nicht gerade weise ist, diesen Weg (der anderen, er bezieht sich hier auf die Trump-Administration) zu gehen.

Stattdessen ist etwas anderes erforderlich, das dadurch verkörpert wird, dass wir manchmal Stellung beziehen, indem wir meditieren, aber manchmal auch, indem wir ausdrücklich eine ethische Position beziehen im Dienste des Mitgefühls und angesichts von offener Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Jede*r muss seinen/ihren eigenen Weg finden, mit diesen Herausforderungen umzugehen, egal wo auf der Welt man lebt, egal in welchem Land man sich befindet und auch egal, welche Werte man hat. Aber Praxis wäre keine Praxis, wenn sie nicht vollständig inklusiv wäre.“

Kompetenzen entwickeln

Für mich zählt meine tägliche Meditationspraxis zur psychotherapeutischen Fortbildung im Sinne einer kontinuierlichen Selbsterfahrung. Ich entwickle und pflege mit ihr Kompetenzen, die von zentraler Bedeutung für meine Wirksamkeit als Psychotherapeut sind. die folgenden drei Aspekte sind dabei für mich besonders wichtig geworden.

Aufmerksamkeit schärfen

Wie kann ich meine Aufmerksamkeit so lenken, dass ich oszillierend mal auf bestimmte Details des Geschehens fokussiere, mal im offenen Gewahrsein alles um mich herum aufmerksam einbeziehe, ohne es festzuhalten oder gezielt näher zu untersuchen?

Der britische Psychoanalytiker Wilfred R. Bion beschreibt diese Fähigkeit als bifokales Sehen, und ich vergleiche es gerne mit den verschiedenen Bereichen unserer Netzhaut, die einmal in den Randzonen für das Wahrnehmen von Bewegungen „geeicht“ sind, jedoch nicht so scharf abbilden können, was sichtbar wird, und dann den Bereich des schärfsten Sehens im Zentrum, der jedoch nur einen kleinen Ausschnitt genau fokussieren kann.
Ich staune immer noch, wie es mir zeitweilig möglich ist, auch in den Gesprächen mit meinen Patient*innen mühelos zwischen den beiden Aufmerksamkeitsmodi zu wechseln.

In der Vipassana-Meditation wird diese Form der Aufmerksamkeitsschulung noch detaillierter praktiziert. Hier wird zwischen Samadhi (Konzentration) und Sati (Achtsamkeit) unterschieden, während Samadhi sich vielleicht noch besser mit Sammlung übersetzen ließe.

In meinem Beitrag über die Tiefe oder Breite der Aufmerksamkeit bzw. des Bewusstseins der vorletzten Newsletter-Ausgabe beschrieb ich diesen Unterschied als in sofern bedeutsam, als es in der Regel für den Anfang wichtiger ist, mit der Öffnung der Aufmerksamkeit zu üben. Diese Vorgehensweise ermöglicht es zudem, die Flexibilität in der Aufmerksamkeitslenkung zu trainieren, was für unsere Zwecke in der Psychotherapie von großem Nutzen ist.

Durch Erfahrung lernen

Wenn Sie meinen Newsletter schon einige Zeit verfolgen, wissen Sie, wie wichtig mir dieser und der nächste Aspekt der psychotherapeutischen Kompetenzen ist. Sie bilden zugleich das Herzstück meiner Vermittlung, wenn ich in den kommenden Monaten meinen ersten Achtsamkeitskurs für Psychotherapeut*innen anbieten werde.
Achtsamkeit ist für mich eine der besten Möglichkeiten, um sich immer wieder dessen bewusst zu werden, wie wir am nachhaltigsten lernen. Erst die eigene Erfahrung ermöglicht uns, das Gelernte wirklich fest in uns zu verankern, so wie wir es als Fahrradfahrer*innen oder als Musiker*innen kennen, wenn wir immer wieder geübt haben, wie es am besten geht. Oder wie der am Anfang zitierte Cellist Pau Casals mit seinem Instrument.

Präsent sein

In der Psychotherapieforschung werden immer wieder die Grundfaktoren der psychotherapeutischen Wirksamkeit untersucht, zu denen auch die Präsenz gehört. Für mich ist Präsenz jedoch darüber hinaus auch eine der besten Möglichkeiten der Selbstfürsorge. Seit ich besser darin werde, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein, lassen erschöpfende Gedankenkreisel nach, mit denen ich mich manchmal beschäftige, wenn ich besorgt bin.

Das kann ich auch für meine psychoanalytische Arbeit feststellen. Ich trage während des ganzen Tages meine Sport-Uhr, mit der ich die Möglichkeit habe, Herzfrequenz und Frequenzvariabilität zu messen, aber auch „einfach nur“ die Zeit ablesen kann.

Manchmal muss ich schmunzeln, wenn mir meine Uhr mitteilt, dass die ruhige Zeit während einer Behandlungsstunde zur Regeneration beigetragen hat, während ich zugleich wach und aufmerksam meinen Patient*innen zugehört und fragend teilgenommen hatte an ihren Reflexionen.

Sicher gibt es auch ganz andere Stunden, die meine Konzentration auf sehr viel anstrengendere Weise fordern, aber ich stelle fest, dass es mir sehr viel besser gelingt, mich während der Arbeit in einer Verfassung zu halten, mit der ich ermüdungsfrei und wach, aufmerksam und konzentriert, und gleichzeitig unangestrengt präsent sein kann.

Comments

Ein Kommentar zu „Über den Nutzen einer täglichen Meditationspraxis als Psychotherapeut“

  1. […] eigene, regelmäßige Praxis ist ein geeignetes Mittel, um die therapeutische Wirksamkeit von Achtsamkeit in der Psychotherapie […]

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