Meditation mit ihren Chancen und Risiken Samadhi – von der Breite in die Tiefe – oder lieber doch nicht? Teil II

Newsletter #34 vom 20.12.2025

Was fasziniert uns so an der Meditation? Und warum wird sie für manche zu einer tief befriedigenden Erfahrung, während andere dadurch in seelische Krisen geraten? Welche Rolle spielt dabei Samadhi, die Versenkung und Vertiefung der Meditationserfahrung, die manchen so wichtig scheint?

Richtig dosiert, kann Meditation zu hoher Zufriedenheit, innerer Ruhe und Ausgeglichenheit beitragen. Wenn wir mehr mit uns selbst in Kontakt kommen, bedeutet das jedoch auch, dass wir uns weniger von unangenehmen Gedanken ablenken und dadurch auch schmerzhafte Gefühle stärker spüren können.

Wenn in diesen Momenten Unterstützung möglich ist und Menschen ansprechbar sind, mit denen wir unsere Erfahrungen teilen können, kann auch das zu einer positiven Erfahrung werden.

Wer Krisen erfolgreich übersteht, geht oft gestärkt daraus hervor.

Fehlt diese Unterstützung jedoch, können sich unangenehme Erfahrungen so verstärken, dass sie das Ausmaß einer krankheitswertigen Störung bekommen.

Vor 14 Tagen beschrieb ich in meinem „Bericht aus der Achtsamkeitspraxis eines Psychoanalytikers“ die Rolle narzisstischer Bedürfnisse, also der Suche nach Anerkennung und Wertschätzung mit dem Ziel eines stabilen Selbstwertgefühls. Ich betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Sehnsucht nach Verbundenheit einerseits und des Wunsches nach Freiheit und Unabhängigkeit andererseits.

Ich schilderte, warum ein instabiles Selbstwertgefühl in der Meditation mit der Gefahr verbunden sein kann, in Ermangelung eines inneren Halts entweder in totale Einsamkeit oder einen drohenden Verlust der Ich-Grenzen abzugleiten.

Wenn Sie das noch einmal nachlesen möchten, gelangen Sie hier zur letzten Ausgabe meines Newsletters.

In dieser zweite von drei Folgen meines Newsletters, die sich den Chancen und Risiken von Meditation widmen, geht es um unterschiedliche Zielsetzungen der Meditation und deren Folgen für Bewusstsein und Aufmerksamkeit.

Breite und Tiefe der Aufmerksamkeit – Sati, Samadhi oder beides?

„Die Kraft der reinen Aufmerksamkeit entsteht nicht aus besonderen Erfahrungen, sondern aus der Beständigkeit des Gewahrseins.“
Joseph Goldstein

Denjenigen, die Stille und Abgeschiedenheit gewohnt sind, fällt es leichter, das Schweigen und den Rückzug zu nutzen, das in sogenannten „Retreats“ die meditativen Übungen umgibt. Fehlende Ablenkungen und eine ruhige Umgebung sollen es den Übenden erleichtern, sich auf sich selbst zu besinnen, Sati (oder Achtsamkeit) zu üben und die Aufmerksamkeit dabei mehr nach innen als nach aussen zu richten.

Wer neu ist, benötigt dabei aktive Anleitung und Unterstützung.

So habe ich es vor etwas mehr als einem Jahr selbst erlebt, als ich während meines ersten Schweige-Retreats mit intensiven negativen Gefühlen konfrontiert war. Ich fragte mich, ob es mir überhaupt möglich sein würde, unter diesen Umständen weiter zu meditieren.

Es erschien mir wie das Sitzen auf einem Vulkan.

Ich schrieb in meinem damaligen Newsletter über das Atemgeräusch meines Sitz-Nachbarn, das in mir eine belastende Erinnerung auslöste, durch die ich plötzlich mit einer Mischung aus Trauer, Zorn und Verzweiflung konfrontiert war.

In der Newsletter-Ausgabe vom Oktober 2024 „Was im Weg ist, ist der Weg“ können Sie meine Schilderung gerne nachlesen.

Meditation ist immer auch Aufmerksamkeitstraining. Wir lenken in der meditativen Besinnung unsere Aufmerksamkeit entweder auf äußere oder innere Objekte, oder wir üben uns darin, eine offene Aufmerksamkeit zu halten, die sich nicht auf einzelne Ziele richtet.

Wenn Sie selbst meditieren, werden Sie die Bedeutung des Ankers kennen, mit dem wir uns einen Halt schaffen, um unsere Aufmerksamkeit leichter lenken zu können. Dabei fokussieren wir uns z.B. darauf, unseren Atem zu spüren, um von hieraus entweder in die Breite oder in die Tiefe zu gehen.

Was ist damit gemeint?

Das lässt sich eigentlich nur schwer exakt beschreiben, weswegen wir uns glaube ich auch dieser räumlichen Metaphern bedienen. Die räumlichen Auslenkungen „breit“ oder „tief“ könnten so auch durch ihr Gegenteil „spitz“ oder „schmal“ bzw. „oberflächlich“ und „flach“ ergänzt werden.

In der buddhistischen Meditationspraxis gibt es verschiedene Traditionen, die sich mit diesen Aspekten der Aufmerksamkeitslenkung befassen.

Versenkung für Fortgeschrittene – die Jhanas – Stufen der Sammlung

Viele an Meditation Interessierte verbinden damit die Erwartung, aussergewöhnliche Bewusstseinszustände zu erleben, Licht oder bunte Farben sehen, Klänge intensiver hören oder besonders tiefe Gefühle wahrnehmen. Das ist spannend und macht neugierig, kann aber auch beängstigend oder verunsichernd wirken.

Im Sanskrit bezeichnet Samadhi den Zustand der Vertiefung oder Erweiterung des Bewusstseins, was wir auch mit „Versenkung“ oder „Sammlung“ übersetzen können.

Während für Fortgeschrittene in der Meditation die Übungsschritte einer solchen Versenkung, genannt Jhanas, auch zur weiteren Entwicklung ihrer Praxis gehören können, sollten gerade Beginner*innen sich darin üben, die gesamte Breite ihrer Körperwahrnehmungen, Gefühle und Gedanken zu erforschen, damit sich daraus eine sichere Basis der Selbstwahrnehmung entwickelt.

Das kann mit Vipassana-Meditation sehr gut gelingen.

Mit Vipassana in die Breite gehen

In der Vipassana-Meditation trainieren wir die Aufmerksamkeit dadurch, dass wir z.B. sehr genau den Vorgang des Atmens untersuchen. Wir erforschen ihn bis ins kleinste Detail jeder Aus- und Einatmung, des Spürens im Körper und der Bewegungen, die mit dem Atmen verbunden sind, nehmen Veränderungen der Temperatur der Atemluft wahr, wenn sie durch die Atemwege aufgewärmt wurde.

Erst wenn wir uns darin geübt fühlen, weiten wir die Aufmerksamkeit auch auf andere Körperteile und Wahrnehmungen. So können wir jedes Detail unseres Körpers erforschen und damit uns selbst in einer Weise bewusst werden, die im Alltag selten ist.

In gleicher Weise können wir danach – vom Körper ausgehend – auch unsere Gedanken, Gefühle, Stimmungen sowie komplexere Aspekte unseres Erlebens erforschen. Oft gibt es zum Beispiel Meditationen, die sich den Hindernissen für unsere Aufmerksamkeit widmen. Auch dazu schilderte ich meine Erfahrungen während meines ersten Schweige-Retreats.

Wozu soll das gut sein?

Je erfahrener wir mit allen Details unserer Wahrnehmung sind, desto breiter und offener können wir unsere Aufmerksamkeit halten und beliebig ausweiten oder fokussieren. Das hat große Vorteile für unsere Präsenz im gegenwärtigen Moment, mit der wir wahrnehmen können, „was wirklich ist“ oder – wie Thimo Wittich es in meinem zweiten Schweige-Retreat in diesem Sommer auch bezeichnete: „Wie es geworden ist.“

Joseph Goldstein schreibt noch einmal zur Frage, worum wir uns in der Vipassana-Meditation bemühen:

„Sayadaw U Tejaniya [ein Theravada-Mönch, bei dem Goldstein studierte] hat häufig betont >>Gewahrsein allein reicht nicht.<<
Damit Achtsamkeit als Erwachensfaktor wirkt, muss sie ein Sprungbrett für Erkundungen sein.“

Diese Erkundungen führen uns zur Einsicht. Wir erkennen zum Beispiel, was Vergänglichkeit bedeutet, können die Verbundenheit spüren, die mit der buddhistischen Vorstellung gemeint ist, dass es kein separates Selbst gibt, und verstehen die Gewohnheitsmuster des Leidens, die dafür sorgen, dass etwas „nicht rund läuft“.

Die Hilfe einer fachkundigen und erfahrenen Begleitung, die uns im Austausch über die Erlebnisse unterstützt, und das gemeinsame Meditieren in einer lokalen oder Online-Community, sind weitere Möglichkeiten, um unsere Meditationspraxis gezielter weiterzuentwickeln.

Meine eigene Erfahrung

Nach fast vier Jahren regelmäßiger Meditation, zunächst mit Shikantaza, dem „Nur-Sitzen“ im Zen-Buddhismus, und ersten Ausflügen in Meditationsübungen des tibetischen Vajrayana, bin ich jetzt seit ca. 2 1/2 Jahren in der Vipassana-Tradition zuhause.
Diese Form der Meditation entspricht genau dem, was ich für meine aktuelle Situation brauche.

Ich sitze meistens morgens früh für eine halbe bis eine Stunde und lenke meine Aufmerksamkeit auf den Atem, die Körperwahrnehmung, die Umgebungswahrnehmung, den Fluss meiner Gedanken, auftauchende Gefühle… und kehre immer wieder zum Atmen zurück, wenn ich merke, dass ich in Tagträumen abdrifte oder etwa beginne, meinen nächsten Newsletter zu planen.

Ich praktiziere dabei in der westlichen Tradition einer amerikanischen Gruppe buddhistischer Lehrer*innen um Jack Kornfield, Joseph Goldstein und Sharon Salzberg, die in den 1970er Jahren Meditationszentren in Kalifornien gründeten, um ihre Erfahrungen aus verschiedenen buddhistischen Lehrtraditionen weiterzugeben.

Was dieser Gruppe aus meiner Sicht besonders wichtig war und ist:

  • Meditation als lebensnahe Praxis des Bewusstseinstrainings zu üben
  • Achtsamkeit mit Weisheit und Mitgefühl zu verbinden, um nicht die Abkehr von der Welt zu suchen, sondern von Werten geleitetes, ethisch verantwortungsvolles Verhalten zu kultivieren
  • alte Weisheitstraditionen für unsere heutige Zeit zu erschließen, zu übersetzen und weiterzuentwickeln

Dabei vermischen sie verschiedene Elemente alter Traditionen, da, wo es ihnen sinnvoll erscheint. So entwickelt sich das buddhistische Geistestraining weiter, statt in alten Formen zu verharren.

In dieser Tradition lehrt auch meine Mentorin Christiane Wolf, Dharma- und Achtsamkeitslehrerin aus Los Angeles, mit der ich regelmäßig über meine persönliche Meditationspraxis spreche. Ich tausche mich mit ihr über meine Erfahrungen aus und erhalte von ihr wichtige Hinweise, wie ich meine Praxis weiterentwickeln kann.

Mein Fazit: Weniger Anspruch, mehr Lebensnähe

Ich finde diese Verbindungen verschiedener Traditionen sehr lebensnah. Statt auf eine „reine Lehre“ zu achten, fließen hier die verschiedenen Ströme, die sich ja ursprünglich alle auf die Lehren des Buddha vor 2.500 Jahren berufen, wieder zusammen.

Je weniger der Anspruch einer „reinen“ Lehre im Vordergrund steht, und je geringer das „Guru-hafte“ in der Vermittlung der Meditation ausgeprägt ist, desto geringer erscheint mir dabei auch die Gefahr, die potentiellen Risiken einer persönlichen Meditationspraxis zu übersehen.

Der Anspruch eines „universellen Heilmittels für universelle Krankheiten“, der von dem einen oder anderen Guru erhoben wird, wirkt verführerisch. Doch darin liegt eine Gefahr, der manche Menschen erliegen, die in der Meditation Heilung suchen und solchen Verheißungen folgen, um sich dann stattdessen in seelischen Krisen wiederzufinden.

Solche Versprechungen sollten uns misstrauisch machen. So denke ich auch, dass es zur Selbstverantwortung jedes und jeder Einzelnen gehört, die ihnen begegnenden Angebote kritisch zu prüfen, und sich zu fragen, was das eigene Ziel ist und welche Bedürfnisse die Meditation befriedigen soll.

In der dritten Folge dieser kleinen Reihe meines Newsletters wird es Anfang 2026 dann um ganz praktische Erfahrungen damit gehen, was meiner Meinung nach ein qualifiziertes Angebot des Achtsamkeits- und Meditationstrainings auszeichnet, welche Eigenschaften ein:e Lehrer:in haben sollte, und woran Sie erkennen können, ob eine bestimmte Meditationsform für Sie geeignet ist, je nachdem, wie breit Ihre eigenen Erfahrungen bereits sind.

Und jetzt: in die Praxis.

Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
und guten Wünschen für die Weihnachtszeit und das Neue Jahr,

Sönke Behnsen

1 Gedanke zu „Meditation mit ihren Chancen und Risiken Samadhi – von der Breite in die Tiefe – oder lieber doch nicht? Teil II“

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