Meditation vor, während, nach oder anstatt einer Psychotherapie?

Am 10.10., dem Welttag der geistigen Gesundheit, schreibe ich über eine Frage, die zunächst einen ganz praktischen Hintergrund hat, die jedoch eine tiefere Bedeutungsebene besitzt.

Angesichts knapper Ressourcen im Gesundheitswesen frage ich, welche persönlichen und strukturellen Voraussetzungen lokal und weltweit zum Erhalt von Gesundheit beitragen. Dabei gerät die Achtsamkeitsmeditation immer mal wieder in den Fokus, wenn sie einerseits als „neue Religion des neoliberalen Kapitalismus“ bezeichnet wird, auf der anderen Seite ihr Potenzial herausgestellt wird, mitfühlendes Handeln zu fördern und so die Grundlage einer ethischen Haltung zur Welt zu bilden.

Die Frage nach den Voraussetzungen von Gesundheit lässt sich weder aus Sicht des Individuums, noch aus gesellschaftlicher Perspektive alleine beantworten.

Sie muss die gesellschaftlichen Voraussetzungen berücksichtigen, die notwendig sind, um ein gesundes Leben führen zu können. Dazu zählen Arbeitsbedingungen, Bildung, Umweltfaktoren und der Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe.

Zugleich liegt ein gesundheitlich verantwortungsbewusstes Handeln in der Verantwortung des einzelnen, handelnden Subjekts.

„Wenn wir mehr gesunde Lebensjahre ermöglichen wollen, müssen wir Gesundheit zum gemeinsamen Ziel aller Akteur:innen machen – über Sektorengrenzen und Ressortgrenzen hinweg.“
Prof. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus

Mit dieser Aussage betonte der Leiter des Bosch Health Campus, Prof Alscher, am Montag, den 05.10.2026, in einer Pressekonferenz die Notwendigkeit einer Neuorientierung in der Forschung und der gesundheitspolitischen Diskussion: „Wir brauchen einen Perspektivwechsel: von der Behandlung von Krankheit hin zur systematischen Förderung von Gesundheit.“

Er spricht damit von einer Abkehr von der defizitorientierten Denkweise, bei der auch Prävention primär der Verhinderung von Krankheit diene.

Ich erkunde seit einigen Jahren den Nutzen von Meditation. Dazu meditiere ich fast täglich und in jährlichen Meditations-Retreats. So sammle ich ein Erfahrungswissen, das ich mit einem Studium der buddhistischen Psychologie sowie der Auswertung von Arbeiten aus der Neurowissenschaften und der Meditationsforschung verbinde.

Während ich dabei vor allem den Nutzen einer Achtsamkeitspraxis aus der Perspektive des Psychotherapeuten erforsche und lehre, nehme ich für meine heutige Frage die Patient:innen-Perspektive ein.

Meditation zur Förderung von Gesundheit

Die Berichte meiner Patient:innen, die selbst meditieren, legen den Schluss nahe, dass Meditation der allgemeinen Förderung von Gesundheit dienen kann.

Meditation wird als Teil einer bewussteren Lebensführung beschrieben. Ziel dabei ist oft Entspannung und Stressreduktion, sowie eine bessere Alltagsbewältigung. Nur wenige meiner Patient:innen setzen Meditation ein, um etwa ihre allgemeine Wahrnehmungsfähigkeit zu verbessern oder ihr Bewusstsein zu trainieren, ohne dafür einen konkreten Alltagsbezug zu benennen.

Bei einem Teil der Patient:innen hat Meditation auch eine spirituelle Bedeutung. Dieser Aspekt wird in einer späteren Ausgabe meines Newsletters noch eine Rolle spielen, wenn ich über den Stellenwert von Spiritualität für seelische Gesundheit schreibe.

Heute will ich mich auf Aspekte beschränken, die psychologischer, (neuro-) biologischer und behandlungstechnischer Natur sind.

Bei diesen Aspekten wird ein Teil der neurowissenschaftlichen Forschung immer interessanter. Seit es möglich ist, mit Hilfe bildgebender Verfahren geistige Prozesse zu beobachten, lässt sich untersuchen, welche Hirnregionen beteiligt und miteinander vernetzt aktiviert sind, wenn wir konzentriert nachdenken, tagträumen oder eben meditieren.

Seither können wir genauer beschreiben, welche neuronalen Netzwerke daran beteiligt sind, wenn Meditation nachhaltige Veränderungen z.B. der Stressbewältigung ermöglicht.

Dass diese Veränderungen hilfreich bei der Prävention oder Behandlung stressbedingter Erkrankungen sind, liegt auf der Hand.

Aber welche Rolle spielt Meditation nun in Verbindung mit Psychotherapie? Was ist empfehlenswert, wenn es um die Kombination von Meditation und Psychotherapie geht? Das möchte ich am zeitlichen Aspekt, der in der Frage nach dem vor, während oder danach anklingt, diskutieren.

Dabei gehe ich auch auf die Frage ein, ob Meditation vergleichbare Wirkungen wie Psychotherapie erzielen kann, ob sie also psychotherapeutische Behandlungen ersetzen oder erübrigen könnte. Diese Frage knüpft an die Thematik knapper Ressourcen an, berührt damit die Frage nach der Prävention seelischer Erkrankungen und eines möglichen Beitrags einer Meditationspraxis zur gesunden Lebensführung.

Da meine Einschätzung dazu aus der Erfahrung als Psychoanalytiker und tiefenpsychologisch ausgebildeter Psychotherapeut stammt, möchte ich einschränkend voranstellen, dass ich Aspekte, die für andere Therapieverfahren gelten, dabei womöglich nicht ausreichend im Blick habe.

Wenn Sie also als praktizierende:r Psychotherapeut:in mit einem anderen Verfahren arbeiten und andere Aspekte für wichtig halten, die ich nicht berücksichtigt habe, so freue ich mich, wenn Sie diese ergänzen.

Meditation vor einer Psychotherapie

Durch Meditation kommen wir mit Anteilen unserer Wahrnehmung und unseres Bewusstseins in Kontakt, die im Alltag oft wenig Raum finden. Dabei gibt es einen übenden und einen eher spontanen Teil zu berücksichtigen.

Manche Patient:innen, die mir von ihren Meditationserfahrungen schon zu Beginn ihrer Psychotherapie berichten, haben mit Meditation bereits in frühen Lebensjahren, oft während ihrer Pubertät oder in der Adoleszenz begonnen. Für einige diente die Meditation zum Beispiel der Entspannung während der Schulzeit. Andere berichteten von einer spirituellen Suche, aus der sich eine persönliche Gewohnheit etabliert hat, die die Jahre der anschließenden Entwicklung auch durch verschiedene Lebensphasen überdauerte.

Ich habe den Eindruck, dass ein solcher Hintergrund besonders bei Menschen zu finden ist, die über ein ausgeprägtes Maß an kritischer Selbstreflexion und Introspektion verfügen. Auch wenn sich daran mit einer Psychotherapie gut anknüpfen lässt, treffe ich häufig auf eine bestimmte Konstellation, die unter Umständen auch an der Entstehung seelischer Krisen und Erkrankungen beteiligt sein kann.

Je intensiver die persönliche Suche ist, desto tiefgründiger sind Fragen nach Ursachen und Zusammenhängen seelischen Leids oder Wohlbefindens. Menschen, die gewohnt sind, in dieser Weise über sich nachzudenken, zeigen gelegentlich eine Prädisposition für Erkrankungen, die sich als Folge einer Dekompensation ihrer Bewältigungsversuche verstehen lassen, mit denen sie belastende Lebensereignisse verarbeiten.

Diese stehen mitunter mit einem eher introvertierten Beziehungsstil und einer Neigung zur Selbstkritik in Verbindung. Psychologische Testverfahren weisen in diesem Zusammenhang stärkere Werte in Bereichen der Ängstlichkeit, der negativen Zukunftserwartung, der Zweifel an der Selbstwirksamkeit oder der Depressivität auf.

Für den Beginn einer Psychotherapie kann hier von Vorteil sein, einerseits den Nutzen der Meditation zu erkennen und zu benennen, andererseits aber auch darüber ins Gespräch zu kommen, welche Rolle soziale Beziehungen dabei spielen, wie wir einerseits in Schwierigkeiten geraten können und andererseits aber auch wieder aus ihnen heraus gelangen.

Beziehungen sind Ursache und Kontext seelischer Störungen. Beziehungen bilden zugleich die wichtigste Voraussetzung für deren Bewältigung.

Diejenigen, die über eine Meditationspraxis in der Gemeinschaft einer Gruppe berichten, verfügen meiner Erfahrung nach über ein ausgewogeneres Verhältnis von Introspektion und Verbundenheit. Sie erleben die gemeinschaftliche Praxis als förderlich und als wichtige Voraussetzung für die individuelle Praxis. Prognostisch betrachte ich diese Kombination als ausgesprochen günstig, denn sie bildet für eine beginnende Psychotherapie einen förderlichen Bezugsrahmen.

Diese Patient:innen werden auch während ihrer Psychotherapie ihre Meditationspraxis fortführen. Hat sich bei ihnen bereits eine gute Fähigkeit zur bewussten Aufmerksamkeitslenkung ausgebildet, dann ist das eine der besten Voraussetzungen für den Reflexionsprozess einer Psychotherapie.

Meditation während der Psychotherapie

Immer mal wieder fragen mich Patient:innen danach, ob sie ausserhalb unserer Gespräche etwas für sich tun könnten. Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage war einer der Gründe, die mich mit der Achtsamkeitsmeditation beginnen ließen.

So wie ich meine psychotherapeutische Selbsterfahrung als Voraussetzung für mein psychotherapeutisches Handeln betrachte, ist meine Meditationserfahrung ein wesentlicher Hintergrund für meine Antworten darauf.

Achtsamkeitsmeditation, und hier insbesondere die Einsichts- oder Vipassanameditation, verbessern nachweislich die Wahrnehmungsfähigkeit körperlicher Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Als innerliche wie äußerliche Achtsamkeit praktiziert, verbessert sie nicht nur die Selbstwahrnehmung, sondern auch die der Umgebung und der Beziehungsaspekte zwischen uns und unserer Umwelt.

Davon profitiert jede Form der Psychotherapie. Eine bessere Selbstwahrnehmung, aber auch eine Verbesserung der Wahrnehmung von Sinnesreizen, Zusammenhängen von Gefühlen und Vorstellungen sowie das frühe Erkennen von Gefühlsfärbungen wirkt sich förderlich auf Selbstreflexion und Introspektionsfähigkeit aus.

Diese positiven Einflüsse auf den psychotherapeutischen Prozess selbst werden noch ergänzt um förderliche Einflüsse auf die Affektregulierung und auf die Identifizierung von Reiz-Reaktionsketten sowie von automatisch ablaufenden Gedankenketten zum Beispiel beim Grübeln.

Das berichten auch solche Patient:innen, die erst während der Psychotherapie zu meditieren begonnen haben. Es dauert jedoch einige Zeit, bis positive Effekte spürbar werden. In sofern glaube ich, dass insbesondere in Langzeittherapien hier die Vorteile deutlicher hervortreten.

Während in manchen Psychotherapieverfahren Meditation auch als übendes Element aktiv in die Arbeit mit Patient:innen integriert wird, sind dem in den psychodynamischen Verfahren enge Grenzen gesetzt. Die für die Psychotherapie von gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland maßgebliche Psychotherapie-Richtlinie schließt den Einsatz übender Verfahren in der tiefenpsychologisch fundierten und der analytischen Psychotherapie mit der Begründung aus, dass diese Vorgehensweise den Übertragungsprozess beeinflussen kann.

Ich kann dieser Argumentation zwar folgen, sehe jedoch durchaus Möglichkeiten, Patient:innen darin zu begleiten, ihre Erfahrungen mit Meditation zu reflektieren, genauso wie ich über viele andere, mögliche Einflüsse meines therapeutischen Handelns auf die Übertragung zwischen meinen Patient:innen und mir spreche.

Meditation nach einer Psychotherapie

In meiner Zertifizierungsausbildung zum Meditationslehrer wurde die Frage der Reihenfolge von Meditation und Psychotherapie eingehend diskutiert. Jack Kornfield und Tara Brach, die diese Ausbildung leiten, sind beide in klinischer Psychologie und Verhaltenstherapie ausgebildet.

Kornfield vertritt den Standpunkt, dass der Psychotherapie die Aufgabe zukommt, Krankheiten zu lindern oder gar zu heilen, während Meditation daran anschließend zur weiteren Entwicklung dient, die weit über die Möglichkeiten einer Psychotherapie hinaus reiche.

Damit folgt er der Unterscheidung, die auch in der zuvor genannten Psychotherapie-Richtlinie getroffen wird, wenn es zum Beispiel um die unterschiedliche Zielsetzung einer analytischen Psychotherapie und einer Psychoanalyse geht.

Während analytische Psychotherapie als definiertes, heilkundliches Behandlungsverfahren im Rahmen eines Heil- und Kostenplans betrachtet wird, erfolgt eine Psychoanalyse ergebnisoffen.

Gleiches gilt für eine Psychotherapie, die nach diesen Richtlinien nicht der Behandlung einer krankheitswertigen Störung dient, sondern zum Beispiel der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung.

Meditation kann nun daneben gleichwohl der sogenannten Rezidivprophylaxe dienen, wie es zum Beispiel die gut erforschte MBCT, die Mindfulness Based Cognitive Therapy in der Vorbeugung von Rezidiven einer Depression leistet. Als eine solche, sogenannte Sekundärprävention betrachte ich auch die Meditation nach einer Psychotherapie, wenn nachhaltige Erfolge einer psychotherapeutischen Behandlung, nicht nur gesichert, sondern durch eine entsprechende Persönlichkeitsentwicklung auch noch ausgebaut werden können.

Meditation zur Einsparung im Gesundheitswesen?

Es wäre naheliegend, also davon auszugehen, dass Meditation auch aus Kostengründen interessant sein könnte. Ich bin immer vorsichtig, wenn ich ein solches Argument aus der Richtung der Kostenträger und der Gesundheitspolitik höre. Meine Erfahrungen mit dieser Betrachtungsweise haben in mir ein Misstrauen gegenüber den Motiven derjenigen erzeugt, die aus dieser Richtung gegen die Finanzierung von Psychotherapie argumentieren.

Während meines Public-Health-Studiums habe ich jedoch auch gesundheitsökonomisch denken gelernt und erfahren, dass das durchaus sehr sinnvoll und angemessen sein kann, vorausgesetzt, man einigt sich zuvor auf den wertebasierten Bezugsrahmen. Dazu gehört für mich eine volkswirtschaftliche Sichtweise, die sich systemischer Modelle bedient, statt sich mit linear-kausalen Ursache-Wirkungszusammenhängen zu begnügen.

Unter diesen Umständen traue ich dem Einsatz meditativer und kontemplativer Ansätzen in der Psychotherapie einiges zu. Diese Einschätzung ist jedoch völlig subjektiv und ich kenne keine gute Studie, die sich dieser Frage bereits gewidmet hätte.

Wann kann Meditation gesundheitsschädlich sein?

In der Literatur und in den digitalen Medien finden sich immer wieder Berichte über negative Erfahrungen in Verbindung mit Meditationsretreats, aber bei der eigenständigen Meditation mit Hilfe von Apps oder Youtube-Videos. Menschen, die über Depersonalisations- oder Derealisationsphänomene berichten, während der Meditation Angstanfälle erleiden oder von einer Verstärkung eines Grübelzwangs sprechen, kann dieser Umstand auch in unsere psychotherapeutische Praxis führen.

Diese Erfahrungen werden dann jedoch meines Erachtens eher den äußeren Anlass bilden für eine Psychotherapie, die sich nach Bewältigung dieser unter Meditation erlittenen Erfahrungen einer dahinter vermuteten oder bereits diagnostizierten seelischen Erkrankung zuwenden wird bzw. der Ergründung einer entsprechenden Prädisposition dient.

In drei Beiträgen meines Newsletters habe ich mich den potentiell negativen Folgen von Meditation eingehender gewidmet und beschrieben, wie sie sich vermeiden lassen. Hier finden Sie die früheren Beiträge zum Thema „Chancen und Risiken der Meditation“:

behnsen.com icon

Praxis der Präsenz

Lesen Sie an jedem zweiten Samstag des Monats meine Erfahrungsberichte, thematischen Vertiefungen und Buch-Empfehlungen aus meiner Achtsamkeitspraxis als Psychotherapeut und Psychoanalytiker.

Bitte geben Sie Ihren Vornamen ein
Bitte geben Sie Ihren Nachnamen ein
This field is required.

Comments

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert