Schweigen in der Psychotherapie im Spiegel von Achtsamkeitspraxis und Psychoanalyse

Schweigen in der Psychotherapie

Am Schweigen in der Psychotherapie scheiden sich die Geister. Manche erleben es als wohltuend, andere finden es unerträglich, wenn ihr Gegenüber schweigt.

Warum das so ist, welche Chance im Schweigen liegt und wie wir Schweigen in der Psychotherapie als hilfreiches Mittel nutzen können, davon handelt dieser Beitrag aus der Reihe „Praxis der Präsenz – Berichte aus der Achtsamkeitspraxis eines Psychoanalytikers“.

Ich beschreibe zunächst die komplexe Rolle des Schweigens in der Kommunikation und blicke dabei auf die besondere Situation in der Psychotherapie. Anschließend stelle ich mithilfe meiner eigenen Erfahrungen einen Bezug zur Meditation her, der zum Abschluss die Antwort auf die Frage liefert, aus welcher Quelle ein heilsames Schweigen entspringen kann.

Dazu gehört auch, aus dem Schweigen wieder ins Sprechen zu kommen, den richtigen Moment dafür zu wählen sowie Worte zu finden, die berühren.​

Was macht Schweigen in der Psychotherapie so bedeutsam?

Im Gespräch mit Supervisand*innen in der Aus- und Weiterbildung nimmt die Frage, wie denn „ein bisschen mehr Ruhe ins Gespräch zu bringen“ wäre, einen bedeutsamen Raum ein. Dabei wird deutlich, wie schwer es ist, Pausen im Gespräch auszuhalten.

Sie erzeugen Verlegenheit und sogar Angst, dass unser Gegenüber uns als unsicher erleben könnte. Manche Supervisand*innen verunsichern sich selbst, indem sie Schweigen in der Psychotherapie als Zeichen von Unbeholfenheit oder Ratlosigkeit deuten.

Zur Überbrückung möglicher Pausen dienen Elemente der Alltagskommunikation. Wir verwenden im Alltag Worte oder Laute, die ausschließlich soziale Funktionen erfüllen, aber selbst keinen bedeutsamen Inhalt haben.

Diese Wörter und Laute dienen der sogenannten „phatischen Kommunikation„. Das sind nach dem polnischen Anthropologen Bronislaw Malinowski Teile der Kommunikation, die „Bande der Gemeinschaft herstellen“ sollen, wie etwa „Hm“ oder ein bestätigendes „M-mh“ der Therapeutin bzw. des Therapeuten, aber auch „Bis morgen“ oder ein eingestreutes „genau“.

Wenn wir solche Füll- oder Bindeworte auslassen, beginnt Schweigen. Das ist jedoch in der Alltagskommunikation nicht unproblematisch.

Warum das so ist, erläutert Michael B. Buchholz, Professor an der International Psychoanalytic University in Berlin, in seinem Beitrag „Kleine Theorie der Pause“. Er berichtet aus der Konversationsanalyse über so spannende Dinge wie den „turn-relevant point“ (TRP), also den Moment, den wir unbewusst abzupassen versuchen, und der uns signalisiert, wann wir in einem Gespräch „an der Reihe sind“.

Das ist Teil unserer vertrauten sozialen Interaktion. Wenn wir also im Gespräch darauf ausgerichtet sind, sozial akzeptabel zu kommunizieren, um „dazuzugehören“, müssen wir durch entsprechende Sprachsignale erkennen lassen, dass wir „dabei“ sind. Das geschieht durch „my-mind-is-with-you“-Komponenten (MMWY), also eine Dimension, die von ihm als „Alltagsempathie“ bezeichnet wird.

All das berücksichtigen wir, wenn wir uns der therapeutischen Bedeutung des Schweigens zuwenden, und versuchen, eine Form der Kommunikation zu ermöglichen, die weniger vom sozialen Alltagsdruck geprägt ist, damit unsere Patient*innen sich in Ruhe mit ihrem Seelen- und Sozialleben auseinandersetzen können, also ohne ständig auf MMWY’s oder TFP’s achten zu müssen.

Wie wir Schweigen erleben

Unser Empfinden hängt entscheidend davon ab, was wir „im Schweigen“ spüren und wie wir es bewerten. Das gilt für uns als Psychotherapeut*innen wie für unsere Patient*innen.

Viele Menschen, die in meine Sprechstunde kommen, sind zunächst irritiert, wenn ich nach einer kurzen Begrüßung zu Beginn oder im Gesprächsverlauf schweige. Es ist ungewohnt für sie, wenn ich auf eine Frage oder einen geäußerten Gedanken nicht umgehend mit Worten, Lauten oder Handlungen reagiere. Selbst kleinere Pausen lösen mitunter diese Irritation aus.

Das kommt in Bemerkungen zum Ausdruck wie „Jetzt weiß ich nicht weiter.“ oder „Was soll ich sagen.“ Damit signalisiert mir mein Gegenüber eine Verlegenheit oder Unsicherheit.

In Gesprächen über diese irritierenden Momente des Schweigens höre ich dann gelegentlich von Kolleg*innen, das sei doch nicht verwunderlich. Es tauchen Gedanken auf wie: „Aber ist das denn nicht völlig normal?“

Das berührt eine grundsätzliche Frage, die im Umgang mit dem Schweigen besonders deutlich wird. Wenn wir gesellschaftlichen Konventionen („Das ist normal“) folgen, erscheint es vielleicht als unhöflich, zu schweigen, wenn wir mit jemand im Gespräch sind.

In der Psychotherapie haben wir es jedoch mit einer in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Situation zu tun. Hier erfüllt das Schweigen einen diagnostischen und einen therapeutischen Zweck.

Diagnostische und therapeutische Aspekte des Schweigens

Etwas, das sonst mit Worten verdeckt, übergangen oder „weggeredet“ wird, kann und soll sichtbar, wahrnehmbar und spürbar werden, damit es als Teil des emotionalen Kontexts die innere Verfassung sowie wichtige Beziehungs- und Verhaltensmuster erkennen lässt.

Wir kommen mit Unsicherheit in Kontakt, spüren, dass wir keine Worte finden, mit denen wir das, was wahrnehmbar wird, bezeichnen können, oder stoßen an Konventionen. „So etwas sagt man nicht.“ oder „Darüber spricht man nicht.“

Daran wird deutlich, warum das Schweigen in der Psychotherapie so bedeutsam ist. Es geht darum, etwas zu erkennen, das tabuisiert oder mit Angst besetzt ist. Wir werden aufmerksam auf Aspekte des Gesprächs, die der Erfüllung der (vermeintlichen) Erwartungen des Gegenübers dienen.

Damit wird das Schweigen eigentlich zu etwas, das genau das Gegenteil von dem bewirkt, was wir ursprünglich denken könnten. Es stattet uns mit einer zusätzlichen Form der kommunikativen Kompetenz aus.

Statt etwas zu verschweigen, kommen wir darauf zu sprechen, was erst durch das Schweigen spürbar werden kann.

Statt über etwas hinwegzureden, kann durch das Schweigen ein Spielraum für Unangenehmes entstehen, das zuvor schamhaft verborgen wurde.

Statt sich etwas einzureden, können wir innehalten und bemerken, dass etwas nicht stimmt. Mit einem „Stimmt das wirklich?“ können wir etwas aufnehmen, das seine Brüchigkeit erst im Schweigen offenbart hat.

„Jetzt denke ich, ich hätte etwas Falsches gesagt“

Mein Schweigen ist Ausdruck eines Beziehungsangebots, das gewöhnungsbedürftig ist. Im Gespräch entsteht ein Raum, in dem etwas zwischen uns spürbar und angesprochen werden darf, das im Alltag keinen Platz findet. Dazu muss es jedoch zunächst einmal „aufkommen“. Das gelingt oft leichter dadurch, dass Pausen zwischen den Wörtern entstehen können.

Ein weiteres Beispiel: Die Stille, die durch mein Schweigen entsteht, entspricht nicht der (angenommenen) Erwartung, dass es darum ginge, Auskunft zu erteilen oder etwas zu beschreiben, damit ich als derjenige, der als Fragender gilt, es besser versteht.

Manchmal bemerkt jemand dann „Sie sagen ja gar nichts.“ oder beginnt sogar bereits, darüber nachzudenken, was das Schweigen in ihm oder ihr auslöst: „Jetzt denke ich, ich hätte etwas Falsches gesagt.“

Diese Hinweise auf eine Irritation oder eine Bedeutungszuweisung (etwas Falsches sagen) machen deutlich, dass auch Schweigen niemals „neutral“ ist. Wer z.B. mit dem sehr mächtigen Erziehungsmittel des Schweigens groß geworden ist, wird darauf intuitiv anders reagieren als jemand, für die oder den ein Moment des Schweigens eher wohltuende Erinnerungen weckt.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

In dieser Redewendung erkennen wir die moralische Bewertung dessen, was in der näheren Vergangenheit noch als Teil der höflichen Interaktion und des Anstands galt. Man sprach nur in ausgewählten gesellschaftlichen Situationen freimütig, hielt sich ansonsten zurück und wusste sich als Teil der Gesellschaft, der sich „mit Anstand und Würde“ zu verhalten und „dem Geschwätz“ zu enthalten wusste, das dem „gemeinen Volk“ vorbehalten war.

So lässt sich Schweigen auch in Verbindung mit der Ausübung von Macht und als Zeichen sozialer Überlegenheit betrachten. Wer schweigt, kann sowohl „mundtot“ gemacht, also zum Schweigen gebracht worden sein, als auch Macht ausüben.

In der Psychotherapie kann unser Schweigen also immer auch etwas Problematisches hervorbringen, das es wahrzunehmen gilt. Das „Schweigen an sich“ wird neben seiner Funktion als Mittel der Kommunikation auch als Erziehungsmittel und als Werkzeug der Manipulation sichtbar. Das wird uns Anlass geben, mit unseren Patient:innen genau darüber ins Gespräch zu kommen.

Erst danach wird es möglich sein, ein hilfreiches Schweigen, das etwas hervorbringt oder spürbar werden lässt, auch heilsam oder wohltuend wirksam werden zu lassen.

Auf dem Weg zum hilfreichen Schweigen

Es gibt so viel zu entdecken, wenn es möglich wird, zu schweigen.

In den meisten Fällen braucht es jedoch einige Zeit, bis wir lernen, mit der Angst vor dem Schweigen umzugehen. Doch wie gelingt uns das?

Wir können unseren Patient*innen dabei helfen, die hilfreichen Aspekte des Schweigens oder der Stille zu nutzen, wenn wir uns zunächst der eigenen Angst zuwenden, die uns dazu drängt, nur kein Schweigen aufkommen zu lassen.

Was sagt uns unsere Angst?

„Ich muss meiner Patientin helfen, sie soll sich nicht von mir allein gelassen fühlen.“

Aber kann ich es verhindern? Muss ich es verhindern? Ist es nicht zu allererst ein Gefühl, das ebenso wie andere Gefühle wahrgenommen und wertgeschätzt werden will, um dann zu überprüfen, ob dieses Gefühl angemessen ist, bezogen auf die therapeutische Situation im gegenwärtigen Moment?

Ich kann damit beginnen, mein eigenes Verhältnis zum Gesprächskontakt mit Fragen näher zu untersuchen:

  • Was tue ich, wenn ich spüre, dass jemand sich unwohl fühlt?
  • Wie reagiere ich, wenn sich jemand geplagt fühlt dadurch zuzuhören statt zu reden?
  • Ist es möglich, anzuerkennen, dass sich jemand so fühlt, und wertschätzend zu reagieren, ohne sich dafür schuldig oder verantwortlich zu fühlen?
  • Muss ich damit beginnen, zu moderieren oder „phatisch zu kommunizieren“, um „Bande der Gemeinschaft zu knüpfen, wie Malinowski es genannt hat?

„Ich darf meinen Patienten durch mein Schweigen nicht in Verlegenheit bringen.“

Schweigen kann Schamgefühle auslösen. Wenn ich mich wortlos abwende, jemand mit Schweigen strafe oder ignoriere, dann demütige ich ihn oder sie. Dadurch entsteht pathologische Scham.

Sie verliert ihre normalerweise hilfreiche, soziale Regulationsfunktion, mit der wir im Umgang mit anderen Grenzen spüren und respektieren. Im Falle der Demütigung wird jedoch z.B. Schweigen manipulativ eingesetzt.

Wenn ich in einem Gespräch spüre, dass jemand durch mein Schweigen beschämt wirkt, wende ich mich zu und nehme auf, was ich wahrnehme. Ich gehe auf das ein, was ich wahrnehme, und benenne es mitfühlend.

Dadurch kann ich vorbereiten, dass auch mein*e Patient*in beginnt, sich selbst einem so schwierigen Gefühl wie der Scham zuzuwenden und aufzunehmen, was in diesem Moment geschieht.

Dann kann deutlich werden, dass genau genommen nicht mein zugewandtes Schweigen meine*n Patient*in in Verlegenheit bringt, sondern die Bedeutungszuweisung, die durch ein Beziehungsmuster aktiviert und ein durch ein altes Gefühl in Erinnerung gerufen wurde.

Das lässt sich aufnehmen. Es wird nach Abklingen des entstandenen Schamgefühls dazu anregen, das Geschehen weiter zu untersuchen, statt darüber hinwegzugehen, und bemüht zu sein, es zu vermeiden, es nicht mehr aufkommen zu lassen.

Dadurch, dass wir unsere Angst vor Pausen, aufkommender Stille oder Schweigen wahrnehmen und mit ihr umgehen lernen, bereiten wir uns darauf vor, auch mit unseren Patient:innen Erfahrungen damit zu sammeln, wie sich gemeinsames Schweigen als hilfreich und heilsam erweisen kann.

Schweigen in der Arbeit mit früh gestörten Patient*innen

Vor allem in der analytischen Arbeit mit Patient:innen, die bereits vor ihrer Sprachentwicklung in ihrer seelischen Entwicklung beeinträchtigt wurden, nehme ich Momente in unseren Gesprächen wahr, die auf etwas verweisen, wofür sich noch keine Worte finden lassen.

Diese Formen des Schweigens bzw. des Nicht-Sprechens lassen sich oft nur dadurch erkennen, dass im Beisein Momente der Betrachtung entstehen, die „leise“ oder „still“ sind.

Wenn das möglich ist, öffnet sich auch für diese Patient*innen ein Zugang zu heilsamen Erfahrungen mit dem Schweigen, die doch oft als Zielgruppe supportiver Verfahren gelten, und das heißt oft, dass sie durch weitaus aktivere Formen der Unterstützung seitens ihrer Therapeut*innen begleitet werden.

Manchmal kann es die reifste Entscheidung sein, etwas nicht auszusprechen, über das noch nicht gesprochen werden kann.
Andrea Sabbadini

Für diese Form der schweigsamen Zusammenarbeit braucht es jedoch einen Halt gebenden Rahmen, der sicherstellt, dass wichtige Funktionen des psychischen Schutzes gewährleistet sind, ohne die ein Kontakt mit solchen frühen Erfahrungen überwältigend werden kann.

In diesen Therapien bekommt die musikalische Funktion des Sprechens eine besondere Rolle. Wie bei den phatischen Funktionen der Sprache bzw. des Sprechens bewegen wir uns hier auf der Ebene der Bindungsfunktion der musikalischen Aspekte, des Klangs unseres Sprechens.

Die Inhalte dessen, was wir sagen, treten hinter die sensorischen Aspekte zurück. Dieser Teil des Sprechens, der zumeist unserer Alltagsaufmerksamkeit entgeht, kann in der Begegnung mit unseren Patient*innen zutage treten, wenn Raum und Zeit sich öffnen und uns Schweigen oder Stille auf diese Beziehungsebene einstimmen.

Gemeinsames Schweigen als kontemplatives Element

Im gemeinsamen Schweigen wird ein weiteres Moment der therapeutischen Interaktion wirksam, wenn es im gegenseitigen Einverständnis geschieht. Hier bildet sich ein Übergang vom Schweigen als Pause, zur Stille, in der ein meditativer Aspekt der kontemplativen Betrachtung die sprachliche Interaktion unterbricht.

Mit Bezügen zum musikalischen Erleben, die in der psychoanalytischen Literatur z.B. von Sebastian Leikert beschrieben werden, kann ein Teil des Phänomens zugänglich werden, das den Wert der Interaktion auch in den Momenten bedeutsam macht, in denen scheinbar nichts geschieht, wie das schon in der phatischen Kommunion deutlich wird. Doch die musikalische Funktion geht über diesen Bindungsaspekt hinaus.

Was nach aussen wie ein Abbruch des Austauschs wirkt, wenn inhaltlich scheinbar nichts Bedeutsames zur Sprache kommt, kann nach innen zu einem sehr lebendigen Moment des „Alleinseins in Gegenwart des Anderen“ (Winnicott) werden, oder aber auch einen wiederkehrenden Abschnitt im zeitlichen Verlauf des Gesprächs beschreiben, in dem es sich nachdenken lässt und ungestörtes Verweilen möglich wird.

So entsteht eine allmähliche Annäherung an einen Austausch auf verschiedenen Bedeutungsebenen. Hier findet auch der Übertragungsprozess unsere besondere Aufmerksamkeit.

Buchholz bringt in seinem Beitrag zur Theorie der Pause die Stille in Verbindung mit der Rêverie, die in der psychoanalytischen Theorie Wilfred R. Bions eine zentrale Rolle spielt. Dabei steht jedoch zunächst die Stille aufseiten des Psychoanalytikers oder der Psychoanalytikerin im Mittelpunkt, die sich in gleichschwebender Aufmerksamkeit den freien Assoziationen ihrer Analysand*innen zuwenden.

Durch die träumerische Verfassung, die weitgehend wortlos bleibt, lassen sich auch diejenigen Inhalte des Schweigens leichter erfassen, die uns etwas mitteilen, was (noch) nicht in Worte gefasst werden kann, wie kaum artikulierbare Gefühle, aber auch Sehnsucht oder Trauer.

Lane, Koetting und Bishop (2002) verweisen in ihrer sehr ausführlichen Arbeit zur kommunikativen Funktion der Stille in der psychodynamischen Psychotherapie („Silence as communication in psychodynamic psychotherapy“) auf einen Bedeutungswandel im Verständnis von Schweigen und Stille in den 1960er Jahren.

Während zuvor das Verständnis der Stille von Funktionen der Abwehr geprägt war, nahm sie danach einen anderen Stellenwert ein. Nun fanden sie bei vielen Autor*innen Hinweise auf bedeutsame Momente in der therapeutischen Kommunikation, die auf Einsichten, auftauchende Erinnerungen oder Übertragungsphantasien beruhten.

In einem spirituellen oder religiösen Kontext sprechen wir auch davon, dass in einem Moment der Stille „ein Engel durch den Raum geht“. Sakrale Bauten oder Zeiten religiöser Rituale sind oft Orte und Momente der Stille. All das kann Ausdruck einer Erfahrung sein, mit der wir die Bedeutung und Tragweite der Stille beschreiben. Diese Stille lässt uns mit etwas in Kontakt kommen, das durch die Alltagsformen der Kommunikation verdeckt bleibt.

Die Meditationspraxis ist ein bislang für die Praxis der Psychotherapie noch nicht genutzter Quell dieses heilsamen Schweigens.
Mark Epstein

In der Meditation finden wir ebenfalls eine solche Form der kontemplativen Vertiefung, in der das Schweigen der Lenkung unserer Aufmerksamkeit dient. Mit Ausnahme der geführten Meditationen, in denen eine Anleitung durch die Stimme erfolgt, verbinden wir die Meditation mit Stille und Schweigen.

In meinen Retreats habe ich dieses Schweigen jeweils als besonders wichtigen Teil der Erfahrung erlebt, der meine Aufmerksamkeit auf Aspekte der Wahrnehmung lenkt, die dadurch erst hervortreten oder „durch den Raum gehen“ können.

Meditation im Dienst der Psychotherapie

Ich bespreche heutzutage mit Patient*innen häufiger, wie sie förderliche Umstände schaffen können, um ihre Arbeit in der Psychotherapie zu unterstützen oder zu erleichtern. Einer der Hinweise betrifft die Schulung der Wahrnehmung durch regelmäßige Meditation.

Ich betrachte diesen Hinweis als ähnlich bedeutsam, wie ich zu Beginn der Psychotherapie erkläre, warum es notwendig ist, die Stunden regelmäßig wahrzunehmen, die Zeit einzuhalten, zu der wir die Stunden beginnen und beenden, und damit den Rahmen zu schaffen, der den Raum für die Gespräche entstehen lässt.

Dazu gehört auch die Frage, ob jemand im Alltag über die Möglichkeiten verfügt, die in der Psychotherapie stattfindende Entwicklung zu unterstützen.
Auch wenn ich damit sehr zurückhaltend bin, gehe ich mittlerweile aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen dazu über, solche Fragen zu stellen, wenn ich den Eindruck habe, dass es hilfreich und erforderlich ist.

Meditation hilft dabei, den Wert des Schweigens zu erkennen, und damit umzugehen, was zunächst verunsichernd wirkt. Ich erlebe das bei meinen Patient*innen, aber auch bei mir selbst.

Durch meine eigene Achtsamkeitspraxis kann ich erkennen, wo sich auch mein Spielraum erweitert, den ich benötige, um mit etwas Unangenehmem zu „sitzen“. Das ist der alltagssprachliche Ausdruck vieler Menschen, die über eigene Meditationserfahrung verfügen, wenn sie von ihrer Meditation sprechen. Ich finde diese Bezeichnung schön und zutreffend, auch wenn es dabei sinngemäß auch um andere Formen der Meditation geht.

Im Schweigen, in der Stille anzukommen, ist für mich wohltuend und hilfreich. Je mehr ich das bei meinen Patient*innen spüre, desto aussichtsreicher erscheint mir das gemeinsame Bemühen um Einsichten und hilfreiche Erfahrungen, die therapeutisch wirksam werden sollen.

Alles hat seine Zeit

Und dann gilt es, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um wieder aktiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Damit meine ich nicht, dass es „einen“ Zeitpunkt gibt, sondern eher eine Rhythmik, einen Wechsel aus Momenten und Phasen des Schweigens, und Gesprächsphasen, die darin ihren Anfang finden, dass wir im Kontakt mit unseren Patient*innen herausfinden, was jetzt dran ist, um „Worte zu finden, die berühren“.

Diese Formulierung stammt von der Schweizer Psychoanalytikerin Danielle Quinodoz, die ein tolles Buch darüber geschrieben hat, wie es gelingt, mit Menschen in der Psychoanalyse so zu sprechen, dass in den gewählten Worten und in der Sprache vor allem das berührende Element in der Präsenz einer haltgebenden, der Entwicklung förderlichen Beziehung spürbar wird.

Ich meine, dass diese Qualität sehr davon profitiert, wenn ein guter rhythmischer Wechsel zwischen Schweigen und Sprechen entsteht, der die Stärken beider Elemente zum Schwingen bringt.

Und jetzt: in die Praxis.
Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

behnsen.com icon

Praxis der Präsenz

Lesen Sie jeden zweiten Samstag meine Erfahrungsberichte, thematischen Vertiefungen und Buch-Empfehlungen aus meiner Achtsamkeitspraxis als Psychotherapeut und Psychoanalytiker.

Bitte geben Sie Ihren Vornamen ein
Bitte geben Sie Ihren Nachnamen ein
This field is required.

Comments

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Index