Die vernetzte Seele und der neue Andere – Intersubjektivität in Psychoanalyse und Buddhismus

Intersubjektivität und künstliche Intelligenz

Newsletter #40 vom 14.03.2026

Welche Rolle spielt „der Andere“ in unserem Denken, Fühlen und Handeln?

Wie erleben wir Verbundenheit und Getrenntheit in Beziehungen, wenn sich darin neben der unmittelbaren Präsenz im Gegenwartsmoment (Daniel Stern, 2005) auch unsere prägenden Beziehungserfahrungen widerspiegeln?

Welche Rolle spielen solche Repräsentanzen für die erlernten und verinnerlichten Vorstellungen davon, was wir das „Selbst“ nennen? Wie wirken sie sich in unserer Interaktion mit Menschen aus, die wir lieben, denen wir vertrauen und uns zugehörig fühlen, aber auch mit denen, die wir hassen, ausgrenzen und verfolgen?

Und was entsteht demgegenüber in der Begegnung zwischen Mensch und Maschine, Letzterer vertreten durch verschiedene Formen künstlicher Intelligenz, mit der wir mehr und mehr auch im Alltag unserer technologisch vermittelten Erfahrungen, bemerkt oder unbemerkt, interagieren?

Gibt es hier eine Intersubjektivität, ein „Drittes“ als Ausdruck des „Dazwischen“ wie in der fruchtbaren zwischenmenschlichen Beziehung, das in der Psychoanalyse als Ausdruck der generativen Möglichkeiten von Bindung, Begegnung und Sexualität verwendet wird?

Diese Frage beschäftigt mich 2026 – 20 Jahre nach dem Erscheinen des Buches „Die vernetzte Seele“, herausgegeben von Martin Altmeyer und Helmut Thomä, im Erscheinungsjahr von Amy Levy’s Buch „The New Other – Alien Intelligence and the Innovation Drive“.

Altmeyer und Thomä erforschten 2006 die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse. Sie schrieben:

„Auf eine knappe Formel gebracht bedeutet Intersubjektivität, dass der Mensch sich von Geburt an mit anderen verbunden fühlt und dass sich dieses Verbundenheit in seiner psychischen Struktur niederschlägt:
Innen und Außen sind miteinander aufs Engste vernetzt.“

Amy Levy, Psychoanalytikerin aus San Francisco, erforscht die menschliche Interaktion mit künstlicher Intelligenz aus klinischer Perspektive. Sie forscht mit einer Haltung kritischer Distanz und der Bereitschaft zum Enactment, die ihrer psychoanalytischen Haltung eigen sind. In ihrem Buch finden sich Transkripte ihres Austauschs mit KI. In ihnen wird deutlich, dass sie ihre Arbeit als Auseinandersetzung mit einem von Menschen erschaffenen, neuen Subjekt versteht, das in einzigartiger Form „durch Erfahrung lernen“ kann.

Diese Eigenschaft war bisher Lebenwesen vorbehalten.

Mit ihrem Buchtitel greift sie den Ausdruck „Alien Intelligence“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari auf. Der postuliert, dass die Menschheit sich mit KI erstmals einer Spezies gegenüber sieht, die in der Lage ist, ihr den Rang der „besten Kooperateure“ und der „besten Geschichtenerzähler“ abzulaufen.

Er spricht darüber in einem Interview mit Sir Stephen Fry, das ich Ihnen gerne ans Herz legen möchte.

Meine eigene Hypothese, die mich diese beiden Bücher hier miteinander in Beziehung setzen lässt, fasse ich für Sie – mit meiner Erweiterung um die buddhistische Perspektive – kurz zusammen:

Wenn wir heute von einer Bedrohung unserer psychotherapeutischen Identität durch die KI sprechen und befürchten, dass diese in nicht allzu ferner Zukunft in der Lage sein könnte, unseren Platz als psychotherapeutisches Gegenüber einzunehmen, dann liegen wir damit vielleicht nicht ganz falsch.

Es gibt jedoch eine menschliche Fähigkeit, die den Ausgangspunkt für unsere weitere Entwicklung in Konkurrenz zu dieser „Alien Intelligence“ bilden kann: unsere Präsenz. Als Wesen mit einer Geschichte und einem Unbewussten bieten wir unseren Patient*innen eine Begegnung an, die sich durch unsere menschliche Subjektivität und Resonanz in der Begegnung – das Wirkprinzip der Präsenz – auszeichnet.

Sie ist durch eine einzigartige Verbindung von „Innen“ und „Außen“ charakterisiert“.
Damit entsteht eine Form der Intersubjektivität, die nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden kann. Es ist jedoch jetzt an uns, dieser Qualität wieder zu ihrem einzigartigen Stellenwert zu verhelfen.

Diese Qualität zu entwickeln, dazu wird auch meine „Einführung in die Achtsamkeitspraxis als Psychotherapeut*in“ dienen, die ich im Mai 2026 erstmals als vierwöchigen Kurs anbieten werde. Für Mai sind die Kursplätze bereits belegt. Sie können sich jedoch gerne in die Warteliste für den nächsten Kurstermin eintragen.

2006 tauchte ich während meiner Ausbildung als angehender Psychotherapeut in die faszinierende Welt des dynamischen Unbewussten ein.

Darunter verstehen wir in der Psychoanalyse den psychischen Niederschlag prägender, konflikthafter Beziehungen.

Heute betrachte ich diese Erfahrungen als Psychoanalytiker zusätzlich aus einer Perspektive, die ich um die Sichtweise der buddhistischen Psychologie erweitert habe. Meine Aufmerksamkeit richtet sich dabei auch auf das Bewusstsein als vielschichtiges geistiges Phänomen. Zu dessen Erforschung bediene ich mich regelmäßig der Vipassana-Meditation.

Was als Aspekt der psychoanalytischen Betrachtung in dieser meditativen Erforschung wiederkehrt:

Sowohl das Unbewusste als auch das Bewusstsein lassen sich bisher nicht objektivieren. Sie sind jedoch subjektiv zugänglich. Wir können sie zwar in Teilaspekten operationalisieren, sie erschließen sich dadurch jedoch nur unvollständig in ihrem Zusammenwirken.

Psychoanalyse und buddhistische Psychologie sind gleichermaßen subjektive Beobachtungswissenschaften. Unsere Teilnahme am Erforschten ist ein konstitutives Element. Beide enthalten mit der „teilnehmenden Beobachtung“ als wissenschaftstheoretische Grundvoraussetzung bereits den Beziehungsaspekt zwischen Forscher:in und „Forschungsgegenstand“.

Von der Ein-Personen- zur Zwei-Personen-Psychologie

In der Entwicklung der Psychoanalyse spielt der Wandel von der „Ein-Personen-Psychologie“ zur „Zwei-Personen-Psychologie“ eine große Rolle. Der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint beschrieb mit diesen Begriffen eine bedeutende Wendung in der Entwicklung der damals noch jungen Wissenschaft des Unbewussten.

Sigmund Freud schuf mit den (hypothetischen) Instanzen von Ich, Es und Über-Ich eine Psychologie, die sich vor allem auf der Vorstellung intrapsychischer Konflikte zwischen miteinander konkurrierenden Triebkräften gründete. Diese sollten durch die Phantasietätigkeit und deren Besetzung mittels einer als “ Libido“ bezeichneten Triebenergie entstanden sein.

Der in der psychosexuellen Entwicklung zentrale Aspekt der Strukturbildung war dabei noch ausschließlich auf das Intrapsychische ausgerichtet. In diesem Modell sollten die Einflüsse der Beziehung zwischen Patient*in und Psychoanalytiker*in, die Freud als Übertragung und Gegenübertragung bezeichnete, damals noch als Störgrößen eliminiert werden.

Sobald sich jedoch der Blick der praktizierenden und forschenden Psychoanalytiker*innen mehr und mehr auf die Wechselbeziehungen zwischen Subjekt und Umwelt richtete, ließen sich viele Aspekte des Erlebens als Ausdruck verinnerlichter Beziehungserfahrungen und deren Niederschlag in sogenannten Objektrepräsentanzen besser verstehen.

Diese Objekte sind in der Psychoanalyse seither von zentraler Bedeutung. Sie erscheinen sowohl als äußere Interaktionspartner*innen als auch in ihrer Individualität überdauernde, innere „Modelle“ derselben in der Psyche des Einzelnen.

Schon bald veränderte dieser Wandel die Auffassung darüber, was in der analytischen Situation Veränderung und Heilung bewirkt. Übertragung und Gegenübertragung rückten dabei als wichtige Akteurinnen ins Zentrum des Interesses.

In der später folgenden sogenannten intersubjektiven Wende in der Psychoanalyse entwickelte sich diese Sichtweise weiter. Begriffe wie Ko-Kreation, das analytische Paar, die Subjekt-Subjekt-Beziehung sowie verschiedene Aussagen über die „Entstehung des Psychoanalytikers oder der Psychoanalytikerin in der analytischen Situation“ spiegeln faszinierende Aspekte dieser Veränderung in der psychoanalytischen Theoriebildung und Praxis wider.

Dabei spielt aus heutiger Sicht der Einfluss der Bindungstheorie eine besondere Rolle. Sie bildet den Vorläufer und Bezugsrahmen bedeutsamer Entwicklungen aus der Psychoanalyse in die Landschaft der psychotherapeutischen Anwendungen hinein, wie sie beispielsweise das Mentalisierungskonzept, die Veränderungen in der gruppenanalytischen Arbeit und den breiten Bereich der analytisch-systemischen Familientherapie hervorgebracht haben.

Das Innen und das Außen aus der Perspektive der Einsichtsmeditation

Viele sagen „Meditation“ und meinen damit „Selbstbetrachtung“. Dass aber auch bei der Meditation die Intersubjektivität bereits in den frühen Lehrreden des Buddha angelegt ist, möchte ich am Refrain des Satipaṭṭhāna-Suttas verdeutlichen.

Dieser Refrain taucht im Laufe der Lehrrede dreizehnmal auf. Er folgt jeweils auf Meditationsanleitungen, die sich auf die vier Grundlagen der Achtsamkeit beziehen:

“ Auf diese Weise verweilt er (der Meditierende, SB), indem er den Körper [die Gefühle, den Geist, die Dhammas] innerlich als einen Körper […] betrachtet, oder er verweilt, indem er den Körper […] äußerlich als einen Körper […] betrachtet, oder er verweilt, indem er den Körper […] sowohl innerlich als auch äußerlich als einen Körper […] betrachtet.“

Diese Betrachtung unserer Erfahrung – innerlich, äußerlich und sowohl innerlich als auch äußerlich – können wir als Hinweis darauf verstehen, dass die Meditation eben nicht nur auf das Selbst ausgerichtet ist, sondern zugleich das „in der Welt Sein“ mitmeint.

Joseph Goldstein, ein Lehrer in der westlichen Vipassana-Tradition, schreibt dazu:

„Die Aufforderung, innerlich, äußerlich und in Bezug auf beides achtsam zu sein, erinnert uns an das umfassende Wesen der Achtsamkeitspraxis – uns dessen bewusst zu sein, was da ist, ob es in uns oder außerhalb von uns ist. Und dann letztlich über diese Unterteilung hinauszugehen.“

Der Zen-Meister Thich Nhat Hanh nennt diese Verbundenheit aller mit allem, die die besondere Perspektive des Buddhismus zur Intersubjektivität in der Psychoanalyse beisteuert, „interbeing“.

Für Yuval Noah Harari ist die Entwicklung der Menschheit in besonderem Maße ihrer Fähigkeit zur Kooperation zu verdanken. Diese Fähigkeit stehe –so Harari – in Verbindung mit unserer Eigenschaft als Geschichtenerzähler, mit der wir Visionen der Zukunft erschaffen könnten, die über die uns bekannten Versionen der Vergangenheit hinausweisen.

Geteilte Wirklichkeit und Zeit

Dabei spielt das Phänomen der geteilten Wirklichkeit in Raum und Zeit eine zentrale Rolle.

Marcia Cavell, kalifornische Philosophin und Psychoanalytikerin, schreibt dazu im Buch „Die vernetzte Seele“ von Altmeyer und Thomä:

„Subjektivität […] geht Hand in Hand mit Intersubjektivität – und beide entwickeln sich auf dem Boden einer gemeinsamen, realen, äußeren Welt, die als solche von den Beteiligten anerkannt ist. Meine Argumentation läuft darauf hinaus, dass zwei mit Bewusstsein ausgestattete Wesen nur unter dieser Bedingung einander als bewusstseinsfähige Wesen >>wissen<< können. Entfernt man das Dritte, nämlich die objektive Welt, aus dieser Triangularität, bleibt vom Bewusstsein nichts mehr übrig.“

Diese Besonderheit unserer menschlichen Existenz – das Wissen umeinander als bewusstseinsfähige Wesen – ist es nun, die aus meiner Sicht auch die Erforschung unserer Rolle in der Psychotherapie prägt.

Wir könnten sagen, dass wir uns als mentalisierende Andere mit unseren Patient*innen verbunden fühlen und damit unsere besondere Fähigkeit zur Kooperation nutzen, um in ko-kreativer Arbeit Entwicklung zu ermöglichen.

Cavell und Harari betrachten diese Fähigkeit als konstitutiv für unsere menschliche Entwicklung.

Auch wenn ich daran aktuell angesichts der gesellschaftlichen und geopolitischen Entwicklung einmal mehr zweifle, verdeutlicht dieser so widersprüchliche Prozess der menschlichen Koexistenz doch einen weiteren Aspekt, dem ich mich als Psychoanalytiker besonders verbunden fühle: der Konflikthaftigkeit zwischen den unterschiedlichen Perspektiven, die wir auf die Welt einnehmen können.

Marcia Cavell schreibt von der objektiven Welt, die wir teilen. Sie hebt darin die Triangularität dessen hervor, was durch die mit uns verbundene und doch von unserer Subjektivität getrennte, äußere Welt als Aspekt der Lebensumstände hinzutritt. Sie gelte es anzuerkennen.

Damit beschreibt sie eine Verbundenheit, die nicht der Gefahr der Romantisierung unterliegt, und genau deshalb vielleicht auch in Zeiten wie diesen überlebensfähig bleibt. Sie muss nur immer wieder erschlossen und manchmal auch erkämpft werden.

Somit unterscheidet sich unsere Präsenz in der zwischenmenschlichen Begegnung von der virtuellen Existenz der künstlichen Intelligenz elementar durch dieses Verhältnis von Innen und Außen im gegenwärtigen Geschehen, was sich sowohl aus der Perspektive der Einsichtsmeditation als auch der Psychoanalyse erforschen und nutzen lässt.

Cavell ist der Ansicht, dass unser propositionales Denken, also jenes Denken, das ein „Ich bin der Meinung, dass…“ ermöglicht, an die Entwicklung einer Fähigkeit gebunden ist, die der Mentalisierung vorausgeht.

Sie betont, dass die Fähigkeit zur Bildung einer „Theorie des Geistes“ darauf beruhe, dass wir als Kinder während unserer Entwicklung mit realen Erwachsenen zuvor über eine wirkliche, äußere Welt kommunizieren.

Diese äußere Realität wahrzunehmen, sich zu ihr in Beziehung zu setzen und diese Beziehung mit anderen zu teilen, impliziere auch, dass die Subjekthaftigkeit durch einen darin entstehenden Perspektivenwechsel charakterisiert sei.

Der werde nur möglich, sofern die Beteiligten die äußere Realität als existent anerkennen, und gleichwohl darauf aus unterschiedlicher Sicht schauen und das voneinander wissen.

Nun können wir auch als meditierende Psychotherapeut*innen einen Teil dieser für unsere Mentalisierung konstitutiven Erforschung der äußeren Realität dadurch praktizieren, dass wir sie

  • als das, „was wirklich ist“ in der Einsichts-Meditation betrachten
  • in Gemeinschaft mit anderen Meditierenden die je eigene Perspektive auf die innere und äußere Wirklichkeit wahrnehmen
  • uns immer wieder neu auf die daraus entstehendeSati sampajāñña, eine achtsame Wissensklarheit freuen
  • und diese zur Grundlage der Offenheit eines „Nicht-Wissens“ in der psychotherapeutischen Begegnung von Stunde zu Stunde nehmen.

Der Kölner Psychoanalytiker Manfred Schmidt schreibt in seiner Arbeit „Präsenztheorie und Behandlungstechnik“ (2014) über die einseitige Dominanz der hermeneutisch bestimmten Repräsentation:

„Dabei geht es, psychoanalytisch formuliert, um die Relativierung der vorherrschenden Bedeutung von inneren Bildern, Vorstellungen und Phantasien gegenüber erlebter sinnenhafter Gegenwart.“

Und weiter:

„Wenn Bedeutung der zentrale Begriff der Sinnkultur ist, so Resonanz der zentrale Begriff der Präsenzkultur.“

Ich bezweifle, dass diese Verbindung von Repräsentation und sinnenhaften Gegenwart, von Innen und Außen, von Resonanz und Bedeutung jemals durch künstliche Intelligenz ersetzt werden kann. Aber ich denke, es liegt an uns, wie wir sie entwickeln und nutzen, und ihren Nutzen für unsere besondere Rolle in der Psychotherapie herausstellen.

Und jetzt: in die Praxis.

Mit herzlichem Gruß aus Wuppertal,
Sönke Behnsen

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